8. – 9. Schuljahr

Hubertus Stelzer

Abgeschrieben?

Ein Beitrag zur Diskussion einer angemessenen Dimensionierung wissenschaftsethischer Bewertung von Plagiaten

Sind Plagiate als Fehlformen wissenschaftlicher Arbeitsweise Bagatellen? Handelt es sich dabei um leichtere Vergehen, die übersehen werden können, um Kavaliersdelikte gar? Und wie steht es um diejenigen, die plagiieren? Sind sie als Lügner und Täuscher unverantwortlich in ihrem Tun, in all ihrem Handeln, und deshalb auch grundsätzlich als Verantwortungsträger unverantwortbar?

Wenn Angewandte Ethik sich tatsächlich so definiert und versteht, »dass sie auf konkrete moralische Fragestellungen zu lebenspraktischen Problemen eine Antwort geben will«1, dann müssen wir in den Blick nehmen, inwiefern Wissenschaftsethik in Zusammenhang mit lebenspraktischen Themen steht. Ist sie nicht zuallererst und tief in die Auseinandersetzung mit ihren eigenen Belangen verwickelt und verstrickt, sodass sie quasi, wenn überhaupt, aus der Abgeschiedenheit des Elfen-beinturms einen abschätzigen Blick in die Niederungen der gesellschaftlichen und öffentlichen Marktplätze wirft? Dorthin, wo Anschaulichkeit und Lebenswelt fern aller Theorie und Lebenswelt ihr ungeordnetes und systemfernes Unwesen treiben?
Dem ist nicht so und es kann auch gar nicht so sein, wenn man sieht, was einzelne Fragestellungen der Wissenschaftsethik an lebenspraktischen Folgen und Wirkung zeitigen. Wie eben im Bereich des Plagiats.
Plagiate bei Politikern
Spätestens mit der sog. Guttenberg-Affäre im Jahr 2011 beginnt nicht nur innerhalb der akademischen Welt, sondern gerade auch im breiten Feld medialer Öffentlichkeit ein zuerst beinahe hektisch anmutender, dann allmählich immer besonnenerer und auf die Sachlage fixierter und sinnvoller Diskurs bzgl. der Integrität von Wissenschaftlichkeit und Notwendigkeit einheitlicher Standards wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens.
Beigetragen dazu hat sicherlich, dass Guttenberg selbst für seine politische Tätigkeit eine Art der Selbstinszenierung gewählt hatte, die mehr noch als das vorgeworfene und sich erhärtete Plagiat in seiner Dissertation den Plagiator in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung stellte.2 So kam es im Verlauf der Untersuchungen zu Stellungnahmen, die sich immer mehr auf die Person Guttenbergs bezogen und die darüber eigentliche wissenschaftsethische Fragestellung zur Bagatelle, wenn nicht überhaupt Marginalie verkommen ließ. Bundeskanzlerin Merkel ließ zur großen Verwirrung vieler Promovierender an deutschen Universitäten und Hochschulen während einer Pressekonferenz verlauten, dass sie Guttenberg als Verteidigungsminister und nicht als wissenschaftlichen Assistenten oder Inhaber einer Doktorarbeit ins Kabinett berufen habe.3 Man mag der Kanzlerin zugutehalten, dass diese pragmatische Sicht der Lage aus ihrer Perspektive der Regierungschefin nachvollziehbar ist, dennoch gab es spätestens ab diesem Zeitpunkt bedeutende Stimmen, die hinter den vorläufigen Blick des Pragmatischen sahen und Störungen erkannten, die im Bereich moralischer Reflexion unverkennbar waren. Annette Schavan, der dann im Jahr 2014 von der Universität Düsseldorf der akademische Grad des Doktors aufgrund vorsätzlicher Täuschung, also Plagiat, aberkannt wurde, äußerte sich dahingehend, dass sie sich nicht nur heimlich für Guttenbergs Plagiat und Täuschung schäme.4 Bundestagsvizepräsident Thierse meinte zu erkennen, dass Deutschland als Wissenschaftsstandort schweren Schaden nehme, der Verteidigungsminister deshalb als solcher nicht mehr zu halten sei.5 Das Ergebnis ist bekannt: Verlust des Doktorgrades, Rücktritt, Scherben in allen Lagern, politischen wie akademischen.
Damit liegt die Kernproblematik auf dem Tisch:
Einmal abgeschrieben immer abgeschrieben? Zu Recht?
Was im Fall Guttenbergs die Öffentlichkeit noch in hohem Maße beschäftigte, verläuft dann 2019 bei Franziska Giffey in deutlich ruhigeren, wenn auch nicht unbedeutenderen Bahnen. Auch hier geht es um...

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