5. – 13. Schuljahr

Nikolaus Knoepffler

Anwendungsfelder der Angewandten Ethik

Herausforderungen für zukünftige Problemstellungen

Die Angewandte Ethik handelt wesentlich von Konflikten. Ihre einzelnen Bereiche wie Medizin- und Wirtschaftsethik haben sich als eigene Fächer in den letzten Jahrzehnten herausgebildet. Die entsprechenden Bereichsethiken zielen darauf ab, wesentliche, ethisch relevante Herausforderungen zu thematisieren, machen Vorschläge für lebensdienliche Regeln und thematisieren, worin verantwortliches Handeln bestehen könnte.

Die Angewandte Ethik selbst ist eine junge akademische Disziplin.1 Das öffentliche Interesse an ihr beruht darauf, dass sie eine Konfliktlösung oder doch wenigstens eine Hilfe für das bessere Verständnis und die Strukturierung von Konfliktfällen und anstehende ethische Herausforderungen zu versprechen scheint. Diese Herausforderungen können sich global stellen wie bei der Frage nach der Sicherung des Friedens und der Ermöglichung menschenwürdiger Verhältnisse für alle Menschen, dem Umgang mit dem Klimawandel oder mit neuen technischen Möglichkeiten von der Gentechnik bis zum Einsatz künstlicher Intelligenz oder der Problemstellung, dass global agierende Unternehmen Staaten gegeneinander ausspielen können. Anfragen an die Ethik können sich aber auch im ganz persönlichen Bereich stellen oder diesen besonders betreffen. Man denke hier nur an die Frage der Sterbehilfe oder auch der Abtreibung. Die Angewandte Ethik soll zumindest daran mitwirken, einen Ordnungsrahmen mit grundsätzlichen »Regeln« für ein gelingendes Leben zu erarbeiten. Wenn im Folgenden wesentliche Bereichsethiken skizzenhaft beschrie-ben werden, ist zu bedenken, dass es nicht die eine Angewandte Ethik im Sinne einer Universallösung für die jeweiligen Konfliktfälle gibt und dass ethische Argumentationen auf verschiedenen Grundprämissen bzw. Werten aufgebaut werden können, genauso wie es nicht die eine Religion oder Weltanschauung gibt, die alle Menschen teilen. Ziel der Angewandten Ethik ist es, die Grundannahmen einzelner Problemstellungen und deren (z.B. begriffliche) Voraussetzungen zu überprüfen, die jeweils zu berücksichtigenden Werte zu identifizieren und Lösungsangebote zu skizzieren.
Bereichsethiken und ihre Anwendungsfelder
Auch wenn sich die meisten Bereichsethiken erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als eigenständige Disziplinen herausgebildet haben, werden manche Fragestellungen seit der Antike thematisiert. Einerseits kreisen die Debatten hierbei um alte Fragen, die schon seit den Ursprüngen menschlicher Zivilisation bei Sumerern und Ägyptern thematisiert wurden, z.B. ob Abtreibungen erlaubt sein sollten. Zum anderen handelt es sich um vollständig neue Fragen, die erst durch neue Entdeckungen möglich geworden sind, beispielsweise ob wir gentechnische Eingriffe an Pflanzen vornehmen dürfen oder es erlaubt sein soll, Hirntoten Organe ohne ihre explizite Einwilligung zum Zweck einer Transplantation zu entnehmen.
Friedensethik
Bereits seit dem berühmten Melierdialog von Thukydides in seiner Darstellung des Peloponnesischen Kriegs (um kurz vor 400 v. Chr.) wird die Frage nach der Rechtfertigung kriegerischer Handlungen aufgeworfen. Dabei wurden in der Folgezeit die klassischen Prinzipien eines gerechten Kriegs entwickelt: legitime Autorität, die den Krieg erklären kann (auctoritas legitima), rechtmäßiger Kriegsgrund (causa iusta), richtige Absicht (recta intentio), Alternativlosigkeit (ultima ratio) und Verhältnismäßigkeit (proportionalitas) und gerechtes Ziel im Sinn einer Herstellung eines wirklichen Friedens (iustus finis).
Seit der Erfindung der Atombombe wird allerdings bezweifelt, ob es überhaupt noch einen gerechten Krieg geben kann. Jedoch haben zahlreiche Konflikte in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, insbesondere der Völkermord in Ruanda, bei dem die Weltgemeinschaft nicht eingriff, auch hier zu einem Umdenken geführt, sodass die klassischen Kriterien in...

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