9. – 9. Schuljahr

Sybil Mütz | Maren Windmiller

Darf der Mensch sich die Menschheit von morgen schaffen?

Der Fall Crispr/Cas9 und seine Implikationen

Eine Welt voller gesunder Menschen, ohne bedrohliche Krankheiten und Einschränkungen und immer auf dem Höhepunkt der Leistungsfähigkeit. Die Gentechnik ist diesem Szenario ein kleines Stück nähergekommen. Fluch oder Segen? In Rollenspielen erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler Positionen dazu unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes und der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates.

Darf der Mensch sich die Menschheit von morgen schaffen? Eine neue Technik macht dies möglich: Crispr/Cas 9, kurz Crispr. Erst vor wenigen Jahren wurde ein Abwehrsystem von Bakterien entdeckt, das diese gegen Viren einsetzen und von dem erkannt wurde, dass es als Allzweckwerkzeug in der Bearbeitung von jeglichem Erbgut dienen kann. Der damit einhergehende ethische Tabubruch hat sich angekündigt. Forscher, Ethiker und Genetiker haben seit Jahren versucht, die Welt darauf vorzubereiten, dass eines Tages Kinder zur Welt kommen werden, in deren Erbgut absichtlich und gezielt herumgeschrieben wurde: Babys, bei denen im Embryonalstadium Gene gezielt entfernt, geschädigt oder hinzugefügt wurden.
Eine Idee wird zur Realität
Ende 2018 war es dann so weit: Ein chinesischer Forscher, He Jiankui, will die ersten Crispr-Zwillinge erschaffen haben. Über die ersten Crispr-Babys ist nicht viel bekannt, nur so viel, dass zumindest bei einem der beiden Mädchen die Methode wohl teilweise fehlgeschlagen ist: Die konkreten Folgen sind noch nicht absehbar, es ist aber damit zu rechnen, dass die Lebensdauer des Mädchens geringer ausfallen wird, als dies ohne einen Eingriff mit Crispr der Fall gewesen wäre. Darüber hinaus birgt Crispr nicht nur eine Gefahr für die unmittelbar Betroffenen: Die Genveränderung wird an künftige Generationen weitervererbt! Somit geht es hier also nicht nur um Individuen, die genmanipuliert werden, sondern auch um deren Nachkommen, ja ganze Interessengruppen und Gesellschaftsschichten, nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft. Dennoch ist davon auszugehen, dass solche Techniken deutlich mehr zum Einsatz kommen werden. Denn Crispr hat ein enormes Potenzial: So könnten nicht nur etwa schwere Behinderungen oder schmerzhafte Erbkrankheiten verhindert werden, für die es bisher keine Therapiemethoden gab. Crispr besticht darüber hinaus durch sein Potenzial, die physische oder psychische Konstitution gesunder Menschen und ihre naturgegebenen Fähigkeiten im Sinne eines Enhancements (engl. für Verbesserung, Steigerung oder Erhöhung) optimieren zu können.
Eine Manipulation und ihre Folgen
Auch wenn vieles von dem, was Crispr leisten kann, noch Zukunftsmusik ist, so mag die neue Technik dennoch greifbar machen, was bald schon Realität sein könnte: eine vom Optimierungswahn gesteuerte Gesellschaft von morgen. Was bedeutet der Einsatz von Crispr für die Betroffenen? Wie fühlen sich beispielsweise Kinder oder deren Eltern, die auf Korrekturen des natürlichen Erbgutes verzichtet haben und dadurch möglicherweise schlechter gestellt oder gesellschaftlich weniger anerkannt sind als ihre genmanipulierten Mitmenschen? Was, wenn ich zu arm bin, um mir eine solche Behandlung zu leisten? Was, wenn ich trotz des gesellschaftlichen Drucks dies nicht will? Oder wie fühlt sich ein Mensch, wenn er weiß, dass er nur so ist, wie er ist, weil an seinen Genen »herumgedoktert« wurde? Was, wenn die Genmanipulation weitreichend negative Folgen für mich, meine Kinder und deren Kinder hat? Was, wenn ich eine solche gesundheitliche »Erbsünde« auszutragen habe, die von Generationen vor mir begangen wurde? Darf ich dann beispielsweise selbst noch Nachkommen zeugen, oder ist das ethisch unverantwortbar?
Unterrichtsgang
Der Beitrag wurde als Einzelstunde konzipiert zu einem Phänomen, welches uns als neue medizintechnische Errungenschaft Dinge ermöglicht, die zuvor der Menschheit...

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