11. – 13. Schuljahr

Markus Pfeifer

»Die Zukunft geht mich nichts an.« Und ob! Schefflers Zukunftsethik als Nachweis der Bedeutsamkeit nachfolgender Generationen für unsere Werte und ein erfülltes Leben

»Was kommt, wenn ich tot bin?« Die Frage nach dem Leben nach dem Tod beschäftigt und fundiert die Weltreligionen. Zukunftsethik nimmt unser Verhältnis zu künftigen Generationen in den Blick, ohne eine zwingende religiöse Begründung. Über die eigene irdische Existenz hinaus tragen wir Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit, doch umgekehrt ergibt sich erst aus der Perspektive auf nachfolgende Generationen ein Sinn für unsere Werte und Lebensbedeutsamkeit.

Aussagen wie »Ich bin so alt; wenn die Folgen des Klimawandels spürbar werden, bin ich tot« mögen provozieren und auch wegen der bereits heute spürbar werdenden Konsequenzen des Klimawandels nicht überzeugen, können aber gleichwohl auf einen blinden Fleck einer Zukunftsethik verweisen, wie Hans Jonas ihn in Das Prinzip Verantwortung offengelegt hat: »[D]ass wir aber nicht das Recht haben, das Nichtsein künftiger Generationen wegen des Seins der jetzigen zu wählen oder auch nur zu wagen. Warum wir dieses Recht nicht haben, warum wir im Gegenteil eine Verpflichtung gegenüber dem haben, was noch gar nicht ist und ›an sich‹ auch nicht zu sein braucht, jedenfalls nicht als nicht existent keinen Anspruch auf Existenz hat, ist theoretisch gar nicht leicht und vielleicht ohne Religion überhaupt nicht zu begründen.« 1 Gründe für die Hilfsannahme der Religion zur Begründung von Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen könnten beispielsweise die Heiligkeit der Schöpfung oder die Verantwortbarkeit unserer Taten vor einem göttlichen Gericht sein, durch die sich ein Grundproblem einer Zukunftsethik, nämlich die Tatsache, dass wir die Folgen unserer Handlungen nicht erleben und tragen müssen, umgehen lässt.
Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt Samuel Scheffler in seinen Vorlesungen Der Tod und das Leben danach, indem er das Begründungsgefüge umkehrt: Die Notwendigkeit einer Zukunftsethik, einer Fürsorge für nachfolgende Generationen, ergibt sich ihm zufolge in erster Linie nicht aus der Verantwortung gegenwärtiger Menschen für die zukünftige Menschheit, sondern aus der Abhängigkeit unserer Werte und Lebensbedeutsamkeit von dem Fortbestand der Menschheit erwachse die Aufgabe, im Interesse zukünftiger Generationen zu handeln. Die argumentative Entfaltung erfolgt mithilfe von Gedankenexperimenten, ohne auf eine göttliche oder religiöse Instanz zurückgreifen zu müssen, grob in drei Schritten, die ich im Folgenden kurz skizzieren werde. Vorab ist noch anzumerken, dass mit dem Leben nach dem Tod keine falschen Assoziationen verbunden werden sollten, meint Scheffler damit doch das irdische Weiterleben anderer Menschen nach dem eigenen Tod und nicht das eigene metaphysische Weiterleben nach dem Tod2, wenngleich er dieses Thema in seiner Argumentation an späterer Stelle aufgreift.
Schefflers Argumentationsgang
Im ersten Schritt bedient er sich eines Gedankenexperiments, dem Untergangsszenario, um nachzuweisen, dass Ereignisse nach unserem Tod für unser Leben bedeutsam sind. Welchen Einfluss hätte das Wissen darum, dass die Erde 30 Tage nach unserem Tod aufhörte zu existieren, auf unsere Lebenseinstellungen? (Vgl. Scheffler 2015, S. 16.) Auch wenn wir dieses Ereignis nicht mehr erleben würden, würde es doch die meisten erschüttern, davon ausgehen zu müssen. Und eben darin zeige sich die Bedeutsamkeit postmortaler Ereignisse für uns. (Vgl. Scheffler 2015, S. 18.) Scheffler nennt dies »eine nichterfahrungsbasierte Interpretation unserer Werte« (Scheffler 2015, S. 19.), sodass nicht nur unsere eigenen Erlebnisse für uns wertvoll sind. Daneben ergeben sich noch eine nichtkonsequentialistische und eine konservative Dimension. (Vgl. Scheffler 2015, S. 19f. und 21f.) Demnach resultiere unsere Erschütterung nicht aus einer utilitaristischen Aufrechnung, der zufolge...

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