5. – 6. Schuljahr

Simon Mayer

Nutztier oder Mitgeschöpf?

Die tierethische Debatte als Beschäftigung mit einem praktischen moralischen Problem

In seinem Buch »Animal Liberation«, das als das einflussreichste Werk der modernen Tierethik gilt, argumentiert der Utilitarist Singer mit auf die Zukunft gerichteten Interessen von Tieren und den sozialen Auswirkungen von Schlachtungen gegen das Töten von Tieren. Das Bilderbuch »Schweinchen Schlau« eröffnet jüngeren Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu der Debatte um eine grundsätzliche philosophische Frage.

Dürfen Tiere getötet werden, um uns Menschen als Nahrungsmittel zu dienen? Wenn Angewandte Ethik sich dadurch auszeichnet, dass »praktische moralische Probleme«1 stets ihren Ausgangspunkt bilden, dann ist diese Frage geradezu paradigmatisch für die Angewandte Ethik überhaupt und für die Tierethik insbesondere. Denn wir alle müssen essen, um zu überleben und uns damit täglich entscheiden, ob wir Fleisch essen oder nicht. Der Praxisbezug der in der Tierethik behandelten Frage ist allerdings geringer, als es auf den ersten Blick erscheint. In der philosophischen Debatte lautet die klassische Frage üblicherweise:»Dürfen Tiere schmerzlos getötet werden, um uns als Nahrungsmittel zu dienen?« Es ist aber völlig klar, dass sich das Töten von Tieren kaum ohne ihr Leiden umsetzen lässt. Zur Klärung der grundsätzlichen philosophischen Frage, ob wir Tiere töten dürfen, um sie zu essen, ist es aber eine nützliche Annahme, davon auszugehen, dass die Tiere schmerzlos getötet werden.
Bilderbuch »Schweinchen Schlau«
Auch im Erzählbilderbuch Schweinchen Schlau spielt das Leiden der Mastschweine an ihren Lebensbedingungen in der Massentierhaltung, im Schlachthaus und auf der Fahrt dorthin keine Rolle. Im Schweinestall sitzt auf der ersten Seite der Geschichte eine Schweinefamilie idyllisch auf Stroh gebettet als natürlicher Teil der Arbeits- und Lebensumgebung des Bauern (Abb. 1 ). Als das Schweinchen versteht, dass die vom Bauern an Papa Schwein ausgesprochene Einladung zum „Schlachtefest ein Euphemismus für dessen Tötung ist, beginnt eine hitzige Debatte um die Rechtmäßigkeit dieses Vorhabens. An ihrem Ende räumt der Bauer Schweinchen Schlau eine Frist ein, um einen Ersatz für die Wurst zu erfinden. Aus Futterresten mischt das Ferkel vegane Wurst, die im Hofladen des Bauern reißenden Absatz findet, und rettet so seinen Papa. Doch getrieben von finanziellen Interessen steht der Bauer erneut auf dem Plan und möchte Gelatine aus Papa Schweins Knochen herstellen, bevor er ihm bei seinem dritten Besuch ans Leder will. Beide Male gelingt dem Schweinchen mit knapper Not das Kunststück: Es erfindet Agar-Agar und Kunstleder. Letztlich kommt der Bauer aber zur Einsicht. Als das Schweinchen ihn darauf aufmerksam macht, dass Geld nicht glücklich macht, stellt er die Schweinemast ein, freundet sich mit dem Ferkel an und will nun zusammen mit ihm weitere vegane Produkte erfinden.
Ist dies also eine dogmatische Geschichte vom dummen Bauern, der durch vegane Belehrung geläutert wird? Das Happy End ist sicher tendenziös und vom Einsatz des gesamten Bilderbuches ist daher abzuraten. Gerade der anfängliche Disput zwischen dem Bauern und den Schweinen ist aber nicht dogmatisch, denn die Motive des Bauern, Papa Schwein schlachten zu wollen, werden hier ebenso einleuchtend dargestellt wie das Interesse der Schweine zu leben.
Die tierethische Argumentation in »Schweinchen Schlau«
Der Bauer nennt das gesellschaftliche Interesse am Fleischkonsum, verweist darauf, dass seine wirtschaftliche Lebensgrundlage gefährdet ist, wenn er Papa Schwein nicht schlachtet, und argumentiert, dass er den Schweinen ein lebenswertes Leben erst ermögliche, weshalb sie ihm ihr Leben schuldeten (M2 ). Alle Argumente werden von Vertreterinnen der Nutztierhaltung vorgebracht und in der Tierethik diskutiert.2
Unter Rückgriff auf Argumente aus der tierethischen Debatte begründet aber auch die Gegenseite, z.B. wenn...

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