10. – 10. Schuljahr

Barbara Stroop

Schlauer, klüger und besser Intelligenzia für alle?

Cognitive Enhancement aus medizinethischer Perspektive

Der Drang nach Optimierung kennzeichnet die Menschheit. Dies gilt auch für unsere kognitive Leistungsfähigkeit. Wir wollen immer schlauer, klüger und besser werden. Bereitwillig nehmen wir hierfür Anstrengungen in Kauf. Aber wäre es nicht wünschenswert, wenn wir in Zukunft unserer geistigen Leistungsfähigkeit einfach mit einer Pille »auf die Sprünge« helfen könnten? In dieser Unterrichtsidee tauchen die Schülerinnen und Schüler mithilfe eines Gedankenexperiments in dieses aktuell noch hypothetische Szenario ein und beleuchten die Frage aus einer medizinethischen Perspektive.

Es ist 7:05 Uhr, als Familie Brecht am Frühstückstisch sitzt. Lena und Christof sind fertig und wollen gerade aufspringen, um ihre Schulbrote in die Rucksäcke zu packen, als ihre Mutter sie an ihre Intelligenzia-Pillen erinnert. Jeden Morgen legt sie extra die Pillen bereit. Seit Lena und Christof Intelligenzia nehmen, ist das Leben der Brechts deutlich entspannter geworden: gute Zeugnisnoten, keine Klagen über die Schule, angenehme Elternsprechtage und keine Diskussionen mehr über Hausaufgaben, denn diese haben die Kinder schnell erledigt. Auch über die Zukunft von Lena und Christof machen sich die Brechts keine Sorgen. Dank Intelligenzia stehen den Kindern alle Möglichkeiten offen. Und all das ohne Risiken und Nebenwirkungen.
Die beschriebene Wunderpille ist aktuell noch Fiktion. Rasante Entwicklungen neuer pharmakologischer und biotechnischer Mittel könnten sie allerdings schon in naher Zukunft zur Realität werden lassen. Verfahren solcher Art zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit (Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit usw.) werden in der medizinethischen Debatte unter dem Begriff Cognitive Enhancement verhandelt. Im Volksmund wird auch von »Hirndoping« gesprochen.
Cognitive Enhancement worum geht es?
Der Begriff Enhancement stammt aus dem Englischen und wird im medizinischen Bereich für pharmakologische und biotechnische Verfahren verwendet, die »die menschliche Gestalt und/oder Leistungsfähigkeit über das Maß hinaus verbessern sollen, das für die Erhaltung oder Wiederherstellung von Gesundheit erforderlich ist«.1 Enhancement grenzt sich somit von therapeutischen und präventiven Maßnahmen ab. Cognitive Enhancement zielt auf die Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit, etwa der Gedächtnisleitung oder Konzentrationsfähigkeit. Die zur Diskussion stehenden Substanzen bzw. Methoden wurden allerdings ursprünglich für therapeutische Zwecke entwickelt.
Aktuell konzentriert sich die Debatte in erster Linie auf pharmazeutische Substanzen. Perspektivisch gerade vor dem Hintergrund des rasanten wissenschaftlichen Fortschritts könnte auch das Cognitive Enhancement mittels chirurgischer Eingriffe oder Genom-Editierung verstärkt in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Auch wenn die beschriebene Intelligenzia-Pille aktuell noch eine Zukunftsvision darstellt, zeigen Studien, dass insbesondere Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits heute Cognitive Enhancer einnehmen.2 Hier geht es zum Beispiel um die nichttherapeutische Einnahme der Stimulanz Ritalin® ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefiziten/Hyperaktivitätssyndromen (ADHS) entwickelt wurde. Zur Wirksamkeit bei gesunden Menschen und auch zu den Langzeitfolgen der Einnahme solcher Stimulanzien gibt es aktuell allerdings kaum Nachweise.
Die medizinethische Debatte
Wenn es im Rahmen der ethischen Debatte um die Zulässigkeit von Cognitive Enhancement geht, ist zunächst die ungeklärte Frage nach der Wirksamkeit und den Risiken und Nebenwirkungen ein wichtiger Aspekt. Eine grundsätzliche Diskussion rund um das Für und Wider von Cognitive Enhancement kann sinnvoll geführt werden, wenn hypothetisch davon ausgegangen wird, dass die Enhancer eines Tages tatsächlich...

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