5. – 13. Schuljahr

Meike Drees | Christian Neuhäuser

Was ist Angewandte Ethik?

Moral im lebenspraktischen Alltag

Zur Verortung der Angewandten Ethik beschreiben die Autoren deren Verhältnis zur Metaethik und zur normativen Ethik. Ihren Ausgangspunkt findet die Angewandte Ethik bei praktischen moralischen Problemen und steht damit in einem besonderen Verhältnis zur deskriptiven Ethik und zu den empirischen Wissenschaften. Es werden anschließend drei Modelle der Angewandten Ethik vorgestellt, die sich in ihrem Verhältnis zur Moraltheorie voneinander unterscheiden. Daraus ergibt sich in der Anwendung ein theoretischer Pluralismus, der zu einer Ausdifferenzierung in zahlreiche Bereichsethiken führt.

Die Angewandte Ethik ist in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts relativ zeitgleich als Medizinethik und als Technikethik entstanden und ist somit die wohl jüngste Disziplin der Philosophie. Der Hintergrund liegt darin, dass im Bereich der Medizin, aber auch in anderen Bereichen der Technikentwicklung ein enormer Fortschritt stattgefunden hat (Bayertz 1991). Diese Entwicklung hat neue moralische Herausforderungen entstehen lassen, deren Bearbeitung nicht nur ethische, sondern auch genaue Kenntnisse des jeweiligen Gegenstandsbereiches erfordert. In der Medizin beispielsweise haben neue Techniken vorher eindeutige Annahmen über den Anfang und das Ende des Lebens infrage gestellt. Die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung und Präimplantationsdiagnostik beispielsweise haben neue Fragen aufgeworfen. Dasselbe gilt für neue lebenserhaltende Maßnahmen und die Möglichkeit der Hirntodfeststellung.
Diese Entwicklungen haben zur Herausbildung einer eigenen Disziplin der Angewandten Ethik geführt. Ihr Anliegen ist allerdings breiter. Das zentrale Merkmal der Angewandten Ethik liegt darin, dass sie auf konkrete moralische Fragestellungen zu lebenspraktischen Problemen eine Antwort geben will: Darf ich Tiere essen? Wann ist es gerechtfertigt, Krieg zu führen? Wie sollte man mit autonom fahrenden Autos umgehen? Wann sind Abtreibungen erlaubt? Sind hirntote Menschen wirklich tot? Was ist ein gerechtes Steuersystem? Reicht eine repräsentative Wahl für Demokratie aus oder bedarf es direkterer Beteiligungsformen? Natürlich haben Philosophinnen schon immer solche Fragen gestellt und Antworten vorgeschlagen. Die Angewandte Ethik stellt solche konkreten Lebensfragen jedoch ins Zentrum ihrer theoretischen Bemühungen. Ihr geht es dezidiert darum, eine Orientierung bei der praktischen Klärung konkreter moralischer Probleme zu liefern (Stoecker/Neuhäuser/Raters 2011).
Dadurch unterscheidet sich die Angewandte Ethik von zwei anderen philosophischen Beschäftigungen mit moralischen Fragen, nämlich der Metaethik und der normativen Ethik. Diesen Unterschied werden wir im nächsten Abschnitt diskutieren. Der Anspruch auf eine praktische Orientierungshilfe provoziert auch die Frage, wie genau angewandte Ethik als eigenständige Disziplin zu verstehen ist. Dazu werden wir in einem zweiten Abschnitt drei Modelle vorstellen. Schließlich stellt sich die Frage nach den Methoden der Angewandten Ethik. Hier zeigt sich, dass es in verschiedenen Bereichsethiken unterschiedliche methodologische Vorstellungen gibt. Darauf werden wir im dritten und letzten Abschnitt dieses Artikels kurz eingehen.
1. Metaethik, normative Ethik und Angewandte Ethik
In der Philosophie wird zwischen Metaethik, normativer Ethik und Angewandter Ethik unterschieden. Alle drei Bereiche beschäftigen sich mit begrifflichen und normativen Fragen, wie es für die philosophische Ethik üblich ist. Damit unterscheiden sie sich von einer deskriptiven Ethik, die nach den tatsächlichen moralischen Überzeugungen und ihrer Entstehung fragt. Wie stehen Menschen in verschiedenen Gesellschaften zum Klimawandel? Warum sind in Deutschland mehr Menschen für offene Grenzen als in anderen Ländern? Wovon hängt die Einstellung zu Abtreibung ab? Das sind Themen der Soziologie und Psychologie....

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