7. – 13. Schuljahr

Anita Rösch

Alle Farben sind schön

Enkulturation: Die Entstehung und Überwindung ethnischer Vorurteile

Unsere Sprache, unsere Geschichten, unsere Rituale sind Produkte unserer Kultur, die wir von Generation zu Generation weitergeben. Gegebenenfalls sind wir stolz auf unsere kulturellen Traditionen und Leistungen und grenzen uns durch Vorurteile von anderen Kulturen ab. Dieser Unterrichtsvorschlag befasst sich mit der Frage, wie Kultur frühkindlich weitergegeben wird und wie ethnische Vorurteile entstehen können. Das Bilderbuch Das Vier-Farben-Land veranschaulicht das Thema und bezieht sich damit auf Sozialisation, kulturelle Abgrenzung und Transkulturalität.

Menschen sind Kulturwesen. Doch wie werden wir zu dem kulturellen Wesen, das wir sind? Und wären wir, wenn wir in einem anderen Kulturkreis geboren wären, andere? Welche Werte sind uns wichtig und woher haben wir diese Werte? Wie kommt es, dass wir bestimmte Traditionen, Verhaltensweisen und Einstellungen positiv bewerten und anderen kritisch gegenüberstehen? Auf all diese Fragen versuchen Theorien der Soziologie, Kulturanthropologie und Erziehungswissenschaften Antworten zu geben.
Kultur kann als ein Produkt menschlichen Denkens und Handelns aufgefasst werden, in das Sprache, Geschichten, Mythen, Rituale einfließen und das von Generation zu Generation weitergegeben wird.1 Kultur ist ein soziales Konstrukt, das eigene Regeln ausbildet und konserviert. Sie prägt die Entwicklung und das Verhalten einer Person und wird im Gegenzug auch durch diese beeinflusst. Wenn wir geboren werden, ist Kultur immer schon da und wir wachsen in sie automatisch hinein. Das geschieht, indem sich Kinder die sie umgebende spezifische Kultur aneignen und kulturelle Lebensweisen erlernen.
Enkulturation, Akkulturation und Sozialisation
Das umfassende Erlernen einer Kultur wird als Enkulturation bezeichnet. Es bedeutet das Hineinwachsen in eine Kultur, das Erlernen ihrer Spezifika, vor allem auch ihrer Sprache. Der Mensch muss einerseits die für seine Gesellschaft charakteristische kulturelle Lebensform sowie die in ihr jeweils erforderlichen kulturellen Kompetenzen erlernen, die zur Bewältigung kultureller Aufgaben notwendig sind. Eine Gesellschaft wiederum bedarf der Enkulturation, um durch Überlieferung die Fortführung der Kultur zu gewährleisten. Ziel der Enkulturation ist jedoch nicht nur Anpassung an und Reproduktion von Kulturspezifika, sondern die Neuaneignung und auch der kreative Umgang mit kulturellen Elementen.
Während Enkulturation auf das Individuum bezogen ist und das subjektspezifische Erlernen einer Kultur meint, beschreibt der Begriff der Akkulturation die institutionelle, gruppenbezogene Vermittlung und Weitergabe von Kultur.2 Sozialisation ist der dritte Begriff, der in diesem Kontext von Bedeutung ist. Sozialisation zielt auf die Persönlichkeitsentwicklung in einem sozialen und kulturellen Kontext ab, in dem Werte und Normen einer Gesellschaft bzw. Gruppe erlernt werden: »In Abgrenzung von Enkulturation wird der Begriff der Sozialisation verstanden. Mit Sozialisation wird das ›Sozialwerden‹ in einem milieuspezifischen Zusammenhang beschrieben, während Enkulturation als das ›Sozialwerden‹ im gesamtgesellschaftlichen, kulturellen Kontext zu verstehen ist.«3 Beide Prozesse sind eng miteinander verknüpft, wobei Enkulturation als Teil der Sozialisation geschieht.
Ethnische Vorurteile
Enkulturation als Erziehung in eine Kultur ist von der Überzeugung getragen, dass die eigene Kultur einen besonderen Wert hat, den es zu tradieren gilt. Mit der Wertschätzung des Eigenen kann unter Umständen auch eine Abwertung anderer Kulturen einhergehen. In diesem Fall spricht man von ethnischen Vorurteilen. Während Vorurteile an sich zunächst grundsätzlich eine voreingenommene Haltung gegenüber Einzelnen oder einer Gruppe von Menschen aufgrund von Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften und Stereotypen meint, fokussiert sich das ethnische Vorurteil auf...

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