5. – 13. Schuljahr

Bernd Dolle-Weinkauff

Bilderbuch, Manga und Graphic Novel

Medien, Formen und Erzählweisen des graphischen Erzählens

Geschichten, die mit Bildern erzählen, sind populär und richten sich längst nicht mehr nur an Kinder. Sie zeigen Biographien historischer Persönlichkeiten und stellen gesellschaftspolitische Fragen der Gegenwart. Dieser Beitrag sucht die Definition und Abgrenzung zwischen Bilderbuch, Manga, Comic und Graphic Novel, erklärt das Zusammenspiel von Schrift und Bild und nennt Beispiele für kontemporär diskutierte Werke.

Die häufig gebrauchte, griffige Formel vom »Erzählen in Bildern« hat als Kürzel für einen charakteristischen Zug der Printmedienwelt der Gegenwart durchaus ihre Berechtigung. Namentlich in den einschlägigen Angeboten für Kinder und Jugendliche scheint die Omnipräsenz des Bildes noch längst nicht am Endpunkt ihrer Entwicklung angelangt zu sein.
Allerdings ist mit dieser schlichten Konstatierung der Rolle des Bildes noch wenig ausgesagt über die konkreten narrativen Formen und Zusammenhänge, in denen es entgegentritt, und in mancher Hinsicht ist sie wenig reflektiert oder gar unzutreffend. Denn zum einen handelt es sich nicht zwangsläufig um erzählende Bilder und zum anderen ist nicht zu übersehen, dass es sich bei der Mehrheit der angesprochenen Medien, Gattungen und Narrationsformen um solche handelt, in denen auch dem Wort genauer gesagt: der Schriftsprache eine unverzichtbare Funktion für das Erzählen zukommt. Ein Blick auf einige der wichtigsten Phänomene in diesem Kontext soll dazu beitragen, etwas Transparenz im Dickicht der Begrifflichkeiten herzustellen und Ansätze zur Orientierung in den unterschiedlichen Ebenen und Varianten des graphischen Erzählens zu schaffen.
Bild, Illustration und Bilderbuch
Vom Bild ist in meinen Ausführungen als einem Zeichensystem die Rede, welches seine Gegenstände in sinnlich-anschaulicher Weise, nachahmend oder verweisend, in den Kommunikationsprozess mit einem Rezipienten einbringt. Das einzelne Bild bietet eine Szene, die als Erzählhandlung zu verstehen ist. Sie ist in den hier verhandelten Kinder- und Jugendmedien stets Bestandteil einer übergeordneten Erzählung. Allerdings gibt es auch Bilder, wie etwa die Abbildung eines Gegenstands oder ein Porträt, die als solche keine Erzählhandlung bieten. Es handelt sich dann um nichtnarrative Bilder, die gleichwohl in einen narrativen Zusammenhang integriert werden können. Diese beiden Varianten lassen sich als die Grundformen der Illustration nicht nur im Kinder- und Jugendbuch bezeichnen.
Bei der Illustration handelt es sich wiederum um eine Relation von Schrifttext und Bild, innerhalb deren das Bild eine dem Schrifttext untergeordnete Funktion einnimmt. Illustrationen sind stets Addenda zu einem bereits vorgegebenen Text und verbildlichen in lockerer, untereinander nicht verbundener Folge Details der Erzählung, etwa in Form von Ansichten der beteiligten Figuren, Schauplätzen oder kleinen Szenen. Dabei können sie
  • redundant verfahren, d.h. mit bildlichen Mitt›eln etwas wiedergeben, was bereits der Schrifttext bietet, oder aber
  • Hinzufügungen oder
  • Interpretationen, die der Fantasie des Illustrators entsprungen sind, enthalten bis hin zu ausgemachten, gezielten Widersprüchen.
Bezeichnet Illustration die Funktion des Bildes im Verhältnis zum Schrifttext, so meint der Begriff Bilderbuch das druckgraphische Medium, das einerseits von den ohne Abbildungen gedruckten Printmedien und andererseits von illustrierten Büchern abzugrenzen ist. Bilderbücher zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie überwiegend oder ausschließlich Bilder präsentieren. Es handelt sich also um eine Buchgattung, in der das Bild rein quantitativ klar dominiert, wobei weder die Funktion noch die stilistischen oder die stofflich-thematischen Aspekte der enthaltenen Bilder in irgendeiner Form festgelegt sind. Als ein Medium kann das Bilderbuch daher vielerlei piktoral bestimmte Erzählformen, wie etwa...

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