5. – 6. Schuljahr

Johanna Rosa Becker

Drei Pilze sind einer zu viel

Mit dem Bilderbuch Zwei für mich, einer für dich über Verteilungsgerechtigkeit diskutieren

In seinem Bilderbuch Zwei für mich, einer für dich ver(sinn)bildlicht Jörg Mühle eine der alltäglichsten Streitigkeiten: Bär und Wiesel streiten sich um einen dritten Pilz, den sie beide heiß begehren und ihrer jeweiligen Meinung nach natürlich unbedingt verdienen. Was tun, wenn ein Streit die Freundschaft zu gefährden droht? Der folgende Artikel setzt sich mit dieser Frage, ihrem Zusammenhang mit Verteilungsgerechtigkeit und deren Bedeutung für die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern der 5./6. Klasse auseinander und versucht, die Wogen zwischen Bär und Wiesel zu glätten.

Aristoteles klassische Einteilung der Gerechtigkeit in ausgleichende (retributive) und verteilende (distributive) Gerechtigkeit ist bis heute gültig. Während sich die retributive Gerechtigkeit weiter in die Tausch- und die Strafgerechtigkeit untergliedern lässt, unterscheidet Aristoteles nicht zwischen verschiedenen Formen der distributiven Gerechtigkeit. Trotzdem ist letztere in ihrer praktischen Handhabung komplexer und eröffnet meist einen größeren Spielraum für Diskussionen, da bei ihr im Gegensatz zur retributiven Gerechtigkeit die Individualität der Personen eine wichtige Rolle spielt und zur Bewertung einer gerechten Verteilung unbedingt hinzugezogen werden muss.1 In dem folgenden Artikel soll anhand von Jörg Mühles Bilderbuch Zwei für mich, einer für dich beispielhaft die lebenspraktische Relevanz von Verteilungsgerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klasse hervorgehoben werden.
Zum Bilderbuch
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Jörg Mühle
Zwei für mich, einer für dich
Frankfurt am Main: Moritz Verlag 2018
32 S., 12,95 €
ab 4 Jahren
Auf dem Heimweg findet der Bär drei Pilze. Sein Freund, das Wiesel, bereitet sie zu. Doch dann stehen beide vor einem Problem: Wer darf den dritten Pilz verzehren?
Anknüpfung an den Unterricht: Verteilungsgerechtigkeit
Verteilungsgerechtigkeit
Bei der distributiven Gerechtigkeit geht es um eine gerechte Verteilung von Gütern oder Übeln auf eine bestimmte Anzahl von Personen. Hierbei spielt die Individualität der Personen eine wichtige Rolle. Meist kann eine gerechte Verteilung nur dann gewährleistet werden, wenn die Personen eben nicht alle gleich viel bekommen. Die Kriterien reichen unter anderem von Statur und Alter über Einkommen bis hin zur Leistung. Daraus lassen sich bezüglich der Verteilung Grundsätze ableiten wie »Jedem dasselbe«, »Jedem nach seinen Bedürfnissen« oder »Jedem nach seinen Leistungen«.2
Dementsprechend sind für ein und dieselbe Situation unterschiedliche Zuteilungen der Güter (oder Übel) auf die beteiligten Personen denkbar. Die Festlegung auf einen einzigen Grundsatz ist hierbei nur in seltenen Fällen sinnvoll. Meist müssen vielmehr verschiedene Ansätze miteinander kombiniert werden. Die Entscheidung, welcher Grundsatz der passendste ist, wird so umgangen, jedoch bleibt die Frage nach der richtigen Gewichtung.
Dabei ist die praktische Handhabung keinesfalls klar3: Entscheidet man sich beispielsweise für die Leistung als Hauptaugenmerk, so ist noch nicht definiert, welche Leistung wie zu bewerten und demnach zu vergüten ist. Ist die Dauer des Aufwands entscheidend oder eher das Ergebnis? Inwiefern zählt die Effizienz mit in die Bewertung hinein und wie lässt diese sich überhaupt messen?
Das gleiche Szenario ist für eine Verteilung nach Bedürfnissen denkbar: Welches Bedürfnis wiegt schwerer? Was, wenn zwei Leute ein gleich großes Bedürfnis nach etwas haben, das zu verteilende Gut aber nur für eine Person reicht? Und sind Bedürfnisse überhaupt messbar? Das der Verteilungsgerechtigkeit allein zukommende Merkmal, die Individualität der Personen zu beachten, ist also einerseits das, was sie auszeichnet, und andererseits ihre größte Schwierigkeit in der praktischen Umsetzung.4
Lebensweltbezug: »Was hat das mit...

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