8. – 13. Schuljahr

Sven Dallmann

Erkenntnisse über die Welt

Erkenntnistheoretische Überlegungen mit der Graphic Novel Ganz allein von Chabouté

Kann man auf Grundlage eines Lexikonartikels und einiger Bilder wahre Erkenntnisse über die Welt erlangen? Welches sind die Grundlagen der Erkenntnis? Ausgehend von der Graphic Novel Ganz allein werden in diesem Artikel Chancen des Einsatzes von Comics im Ethik- und Philosophieunterricht aufgezeigt. Eine Unterrichtsreihe zu erkenntnistheoretischen Fragestellungen verdeutlicht deren Umsetzung.

Die Graphic Novel Ganz allein von Chabouté zeichnet den Alltag eines Mannes im mittleren Alter. Er hat sein gesamtes Leben zurückgezogen auf einem abgelegenen Leuchtturm verbracht. Zwei Seemänner, vor denen er sich jedoch versteckt, bringen ihm jede Woche Kisten mit Lebensmitteln vorbei. Seine Zeit vertreibt sich der Mann vor allem damit, dass er zufällig ausgewählte Lexikonartikel liest, die seine Vorstellungskraft beflügeln.
Zur Graphic Novel
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Chabouté
Ganz allein
Hamburg: Carlsen 2011
376 Seiten, 29,90 €
ab 12 Jahren
Ein Mann lebt seit seiner Geburt in einem Leuchtturm auf einer kleinen einsamen und isolierten Insel, ohne Kontakt zur Außenwelt. Ein neugieriger Seemann versucht, ihn mit verschiedenen Mitteln zu überreden, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen.
Anknüpfung an den Unterricht: Erkenntnistheorie
Die gesellschaftliche Wirklichkeit
Ist ein Leben in Einsamkeit lebenswert? Vermitteln Einträge in Lexika und Enzyklopädien ein adäquates Bild der Wirklichkeit? Diese zentralen Fragen Chaboutés Geschichte lassen sich auf das aktuelle Leben der Jugendlichen übertragen. Für den Ethik- und Philosophieunterricht eröffnet sich hier die Möglichkeit, die im Comic aufgezeigten gesellschaftlichen Wirklichkeiten zu interpretieren und diese zu erörtern. Bildgeschichten können als Lebensweltbezug1 dienen, der die Grundlage für weitere philosophische Auseinandersetzungen bildet.
Comics »lesen« als aktiver ganzheitlicher Prozess
Ganz allein wird fast ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten erzählt. Über viele Seiten hinweg kann aus dessen Blickwinkel das Meer, der Flug der Möwen und das Innere des Leuchtturms beobachtet werden. Chabouté nutzt seine Zeichnungen, um die Emotionen (durch das Abbilden von Mimik und Gestik) und auch die mentalen Vorstellungen des Protagonisten sichtbar zu machen.
Um einen Comic zu verstehen, ist eine selbstständige komplexe Lese- und Denkleistung erforderlich. Durch das Betrachten der Körpersprache und der Mimik werden beispielsweise äußere und innere Geschehnisse interpretiert und die Atmosphäre der Geschichte emotional erfasst.2 Text- und Bildsprache werden zueinander in Beziehung gebracht sowie Nicht-gezeigtes aus der Fantasie ergänzt. Um den Handlungszusammenhang zu erschließen, ist es notwendig, die Beziehung der verschiedenen Panels zueinander zu betrachten. Dies ist ein anspruchsvolles Vorgehen, das Schülerinnen und Schüler auf rationale und affektive Art anspricht und motiviert. Erst wenn das Verständnis der Bildgeschichte gewährleistet ist, können philosophische Fragestellungen entdeckt und fruchtbar gemacht werden.
Umgang mit Medien einüben
Da Ganz allein nur wenige gesprochene Wörter enthält, wird die Aufmerksamkeit beim Lesen gezielt auf die Bilder gelenkt. Wie in einem »Papierschauspiel«3 kommt der Mimik, Gestik und anderen Symbole so eine größere Bedeutung zu. Comics, die selbst als Hybriden aus Bild- und Schriftsprache verstanden werden können, weisen eine Nähe zu verschiedenen anderen Medien auf. Durch die Auseinandersetzung mit graphischen Gestaltungsmitteln können im Ethik- und Philosophieunterricht Fähigkeiten eingeübt werden, die beim Verständnis von Medien wie Bild und Film helfen. Beispielsweise bedienen sich viele Bildgeschichten Motiven aus der Literatur oder Kunst und übernehmen Kameraperspektiven aus Filmproduktionen. Chaboutés Graphic Novel rückt die Medien Lexika und Fotographien in den Mittelpunkt...

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