5. – 13. Schuljahr

Peter Massing

Demokratietheorien

Etappen ihrer Entwicklung

Der Begriff »Demokratie« gehört zu den Schlüsselbegriffen der modernen Politikwissenschaft und hat eine lange Tradition. Doch von Anfang an war die inhaltliche Auseinandersetzung um den Begriff von rivalisierenden Vorstellungen darüber geprägt, was genau darunter zu verstehen ist, etwa in der Gegenüberstellung von normativen und empirischen Demokratietheorien. Der Aufsatz bietet einen ideengeschichtlichen Überblick über die wichtigsten Ansätze

Die Auseinandersetzung um den Demokratie-Begriff hat eine lange Geschichte.1 Weitgehend Konsens besteht darin, dass Demokratie kollektive Selbstbestimmung bedeutet. »Sie zielt darauf ein politisches Gemeinwesen entsprechend dem Willen seiner Angehörigen zu gestalten.«2 Darüber hinaus hat Demokratie in Ideengeschichte, Theorie und in der Praxis sehr unterschiedliche Bedeutungen, Interpretationen und Entwicklungen erfahren. So existiert eine Vielfalt von Demokatietheorien, die sich kaum noch überblicken lässt.
In der Politikwissenschaft hat die Differenzierung zwischen normativen und empirischen Demokratietheorien eine lange Tradition. Normativen Demokratietheorien geht es um die Begründung von Sollzuständen, um Ziele, Werte und Normen des demokratischen Verfahrens; empirischen Demokratietheorien geht es um die möglichst »wertfreie« Beschreibung politischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten.3 Ohne auf die umfassende Diskussion zu Differenzierungen von Demokratietheorien eingehen zu können, wird im Folgenden die Entwicklung von Demokratietheorien historisch-chronologisch mit dem Schwerpunkt auf der Ideengeschichte dargestellt.
Demokratietheorien im Kontext der Ideengeschichte
Politische Ideengeschichte umfasst in einem weiten Sinn sowohl die Beschäftigung mit den ›Klassikern‹ des politischen Denkens als auch Fragen systematischer Theoriebildung und Theorieanwendung. Ein solches Verständnis von politischer Ideengeschichte liegt dem folgenden Beitrag zugrunde, der auf Aspekte der klassischen Demokratievorstellungen der Antike, auf vertragstheoretische Elemente der Moderne ebenso eingeht wie auf aktuelle Demokratietheorien.
Die Auseinandersetzung mit der Ideengeschichte kann eine erhellende Erklärungsleistung für die Demokratie der Gegenwart sowie für die Entwicklung der Demokratietheorie erbringen. Die Entschlüsselung historischer und ideengeschichtlicher »Denkspuren« in den jeweiligen Demokratietheorien und in unserem aktuellen Demokratieverständnis ist eine wichtige Möglichkeit, diese besser zu verstehen.4
Vorläufer der Demokratietheorien in der Antike
Im Unterschied zur modernen entwickelte sich die antike Demokratie aus der politischen Praxis, und der Versuch, sie in theoretisch-philosophische Systeme zu fassen, erfolgte erst zur Zeit ihres Niedergangs und Verfalls. So diskutiert Platon die Demokratie in seiner Schrift Der Staat unter dem Titel Staatsformen des Verfalls. Die Demokratie sei die Herrschaft der Vielen, eine verantwortungslose Herrschaft, geprägt durch Augenblickslust und wankelmütige Meinung. Wegen der übersteigerten Freiheit ertöne irgendwann der Ruf nach einer starken Hand und dieser führe zur Tyrannis. Die Demokratie schneidet also bei Platon nicht gut ab.5
Auch Aristoteles steht der Demokratie ablehnend gegenüber, wenn auch nicht so entschieden wie sein Lehrer Platon. Nach Aristoteles ist die Abweichung der Demokratie von den guten Ordnungen nicht die schlimmste. An erster Stelle steht hier die Tyrannis, gefolgt von der Oligarchie. Gute Formen sind dagegen Monarchie, Aristokratie und Politie. Weil Aristoteles in allen reinen Formen die Gefahr der »Entartung« sieht, zieht er Mischverfassungen, die er ebenfalls Politie nennt, vor, in denen die einzelnen Prinzipien einander relativieren und in denen auch das monarchische Element verankert und in der Tugend und Freiheit ausbalanciert sind.6 So lehnt Aristoteles zwar die Demokratie in ihrer reinen Form ab, die von ihm...

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