9. – 13. Schuljahr

Alexander Chucholowski

Von Hobbits, Hooligans und Vulkaniern

Brauchen wir eine Epistokratie?

Das Wahlrecht soll nicht ans Alter, sondern an einen Wissenstest gekoppelt werden, so fordert es der Philosoph Jason Brennan. Dabei unterteilt er die Wählerschaft in Hobbits, Hooligans und Vulkanier. Nur Letztere sollen wählen dürfen. In diesem Unterrichtsvorschlag diskutieren die Schülerinnen und Schüler Brennans Wählertypen und erwägen das Für und Wider einer Epistokratie, Brennans Gegenentwurf zum allgemeinen Wahlrecht.

Ist Demokratie eine Frage der Kompetenz?1 Diese Frage wird immer häufiger aufgeworfen, insbesondere angesichts eines zunehmenden Populismus. Da lassen sich zuweilen auch Kabarettisten wie Dieter Nuhr dazu hinreißen, bei Wählern von »Trotteln und Idioten« zu sprechen, die man besser nicht wählen ließe. »Nur wer bei der Kommunalwahl richtig gewählt hat«, so Nuhr in einem Sketch zur Wahl und Wählern, »darf das nächste Mal wieder ran.« Die Skepsis angesichts der Kompetenz der Bürger, adäquat und sachkundig zu wählen, besteht insbesondere in akademischen und sogenannten »intellektuellen« Kreisen, die natürlich geneigt sind, sich von solcher Form der »Inkompetenz« auszunehmen. Dieses Denken hat auch philosophiegeschichtliche Tradition, deren Urvater Platon ist. Er war der erste, der in seinen Dialogen Freiheit an Wissen koppelte, d.h. an eine bestimmte Kompetenz, über die man verfügen muss, um politisch selbstbestimmt mitreden oder gar mitentscheiden zu dürfen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass alle diejenigen, die nicht über Wissen verfügen (oder über Vernunft wie bei Kant), letztlich unwissend, unvernünftig und damit unfrei, heteronom sind und nicht adäquat entscheiden können, was das Beste für sie und die Gesellschaft ist.
Die Wählerschaft
Solche Menschen bezeichnet der US-amerikanische Politikwissenschaftler Jason Brennan in seinem Buch Gegen Demokratie als »Hobbits« in Analogie zu den niedlichen, aber etwas simplen Wesen aus Tolkiens Fantasiewelt. Wer Tolkiens Herr der Ringe nicht kennt, dem genügt ein Blick auf Wikipedia, um zu erkennen, dass diese Bezeichnung eine zynische Abwertung der meisten wahlberechtigten Bürger bedeutet. Hobbits sind laut Brennan »politisch im Wesentlichen apathisch und besitzen kaum politische Kenntnisse.«2
Daneben gibt es in Brennans Mythologie dann noch die Hooligans, solche, die ebenso dumpf sind wie die Hobbits, aber dabei nicht »politisch apathisch«. Sie repräsentieren die »fanatischen Sportfans der Politik«. Politiker und Journalisten sprechen hier gerne vom Mob. Sie hängen einer bestimmten politischen Richtung an, lassen keine Argumente zu und verteidigen ihre »Überzeugungen« gegebenenfalls auch mit Gewalt verteidigen.
Die einzig »kompetenten« Bürger sind die sogenannten Vulkanier benannt nach den rein rationalen Wesen aus der Serie Star Trek, die mit den spitzen Ohren, die ihre Emotionen unterdrücken und logisch entscheiden. Sie stellen für Brennan das Ideal des »kompetenten« Bürgers dar und er ist damit nicht der erste. Bereits die Gründerväter der amerikanischen und französischen Republiken forderten, nur den »Kompetenten« die Politik zu überlassen.3
Wählen nach Notendurchschnitt
Nachdem das allgemeine Wahlrecht unabwendbar wurde, forderte Mill für »kompetente« Bürger mehrere Wählerstimmen ein sogenanntes Pluralwahlrecht. Je gebildeter einer sei, desto mehr Stimmen stünden ihm zu.4 Andere Philosophen folgten, so auch Brennan, dessen aktuelles Buch sicherlich am provokantesten ist. Er fordert eine Art Prüfung, bevor jemand wählen dürfe. Jene, die bei einer solchen Prüfung besser abschneiden, erhalten mehrere Stimmen, gegebenenfalls gestaffelt nach Noten. Doch durch iese Forderung wird nicht nur der Gleichheitsgrundsatz moderner Demokratien untergraben, sondern einer Vielzahl an Bürgern auch die politische Mündigkeit abgesprochen. Aus diesem Grunde spricht man hier von politischem Paternalismus. »Experten«, »Wissende« entscheiden...

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