5. – 13. Schuljahr

Julia Dietrich

»Das muss doch jede*r für sich selber wissen!«?

Überlegungen zur Arbeit mit Fallanalysen zu Fragen der Angewandten Ethik

Fallanalysen spielen für die Vermittlung ethischer Kompetenz eine wichtige Rolle, insbesondere mit dem Ziel einer Angewandten Ethik, deren Aufgabe es ist, konkrete und reale bzw. realistische ethische Fragen unter Zeit- und Handlungsdruck zu entscheiden. Doch ist die Arbeit damit nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen, die man bei der Anwendung der Methode kennen sollte.

Für die Angewandte Ethik stellen »Fälle« keine Gedankenexperimente dar, wie sie zum Beispiel in der analytischen Philosophie häufig verwendet werden, und sie dienen auch nicht als Instrumente zur Messung ethischer Kompetenzen, wie etwa in der Tradition Kohlbergs. Fallanalysen, oder allgemeiner Fallstudien1, sind der Ausgangspunkt und das Ziel theoretischer Anstrengung. Gerade deshalb aber sollen in diesem Artikel auch deren mögliche »Risiken und Nebenwirkungen« diskutiert werden. Der Artikel geht dabei insbesondere von der Erfahrung aus, dass Fallstudien das schale Gefühl hinterlassen können, letztlich zu einem Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Ethik beigetragen zu haben: Wenn zum Beispiel die Zeit oder Geduld für die theoretische Durcharbeitung nicht reicht, werden sie womöglich mit dem Satz »Das muss doch jede*r für sich selber wissen« abgebrochen, und damit wird das erreichte Diskussionsniveau auf »null« bzw. »nicht verbindlich« zurückgesetzt.2
1 Methodologische und metaethische Vorannahmen
Als für Fallstudien leitendes Urteilsbildungsmodell gehe ich wie viele andere Autorinnen und Autoren vom Praktischen Syllogismus aus, der in einer argumentationstheoretischen Rekonstruktion vier logische Kernelemente umfasst, nämlich eine deskriptive und eine präskriptive Prämisse sowie ein Urteil, das sich auf eine Handlungsoption bezieht. Unterscheidet man Moral von Ethik als kritisch-konstruktiver Theorie der Moral, wird aus einem solchen praktischen Syllogismus erst dann ein im engeren Sinne ethischer, wenn jedes dieser Elemente einer kritischen Prüfung unterzogen wird, die bis in eine radikale philosophische Offenheit hineinführt.
Das vermeintlich einfache Modell kann dann extrem komplex werden und baut eine nur für die jeweilige Entscheidungssituation zu lösende Spannung zwischen Handlungsorientierung und Kritik auf. Für eine angemessene Erwartungshaltung scheint es mir daher sehr wichtig zu sein zu verstehen, dass es gar nicht die Aufgabe der ethischen Reflexion ist, »die Sache«, und zwar »ein für allemal«, zu »lösen«, sondern »die Sache« und »ihre Lösung« immer wieder in ihrer Selbstverständlichkeit zu hinterfragen. Wo wir uns im moralischen Alltag Selbstverständlichkeiten leisten dürfen (und müssen), ist es gerade die Leistung der ethischen Reflexion, sich dies nicht zu erlauben und trotzdem handlungsorientierend zu bleiben.
Die Struktur des Praktischen Syllogismus kann auch als philosophische Begründung für die Unterscheidung von »wahrnehmen«, »bewerten«, »urteilen« und »handeln« als vier Dimensionen ethischer Kompetenz herangezogen werden.3 Dementsprechend würde eine vollständige Fallstudie vier Schritte umfassen:
  • die Situationsbeschreibung und ihre Kritik,
  • die Explikation und Kritik bzw. Begründung der einschlägigen, ggf. konfligierenden (Werte und) Normen,
  • das Urteil und die kritische Prüfung seiner Konsistenz sowie
  • die Formulierung einer konkreten Handlungsempfehlung und deren Evaluation.
Eine fachwissenschaftlich »gute« ethische Argumentation ist also explizit, im oben skizzierten Sinne vollständig, fachlich richtig und kritisch, insofern sie ihre eigenen Voraussetzungen prüft und sich mit Gegenargumentationen auseinandersetzt.4 Dieses klassische Argumentationsverständnis impliziert einen zumindest schwachen Kognitivismus: Es geht von der theoretischen Zuversicht aus, dass ethische Argumentationen zu einem Rationalitätsgewinn ethischer Urteile beizutragen vermögen, indem...

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