7. – 13. Schuljahr

Eva Müller

Ethisches Zeitunglesen

Lesen mit der Toulmin-Brille

Am Anfang steht der Fall. Zumindest bei der Fallanalyse im Fach Ethik und zumindest in der Schule. Im wirklichen Leben dagegen muss ein Ereignis erst als Fall erkannt werden. Dieser in der Regel übersprungene Lernschritt und damit die Kompetenz des »Wahrnehmens« werden mit dem hier vorgestellten Unterrichtsvorschlag besonders in den Blick genommen und zusammen mit der Argumentationskompetenz trainiert.

Gegen die Gepflogenheiten gibt in dieser Einheit also nicht die Lehrerin oder der Lehrer einen ethischen Fall vor, sondern die Schülerinnen und Schüler finden ihn selbst. Das nützt nicht nur im wirklichen Leben, sondern auch in der Schule, zum Beispiel, wenn Schülerinnen und Schüler reflektiert beim Thema Fallanalyse inhaltlich mitbestimmen können, oder bei ihrer Suche nach einem Thema für eine Einzelarbeit oder für eine Prüfung.1
Ausprobiert werden soll dies beim Lesen einer Tageszeitung, das Vorgehen lässt sich aber problemlos auf andere Medien übertragen. Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe, auf einer Doppelseite einer Tageszeitung alle Artikel zu markieren, die eine ethische Frage berühren. Das wiederholen sie, nachdem sie sich die »Toulmin-Brille« aufgesetzt haben, und vergleichen dann ihre Ergebnisse mit denen aus der ersten Runde. Anschließend kann an einem ausgewählten Beispiel eine Fallanalyse durchgeführt werden.
Der Unterrichtsvorschlag ist konzipiert für die Sekundarstufe I, kann an unterschiedliche Leistungsniveaus angepasst werden und mit einer reduzierten Bildlichkeit auch noch in der Kursstufe als »leichtes Training« eingesetzt werden.
Was ist ein »ethischer Fall«?
Das Wort »Fall« basiert auf der Vorstellung, das Leben sei wie ein Würfelspiel.2 Wie die Würfel fallen, ist nicht vorhersehbar, sondern »zufällig«. Wenn sie aber fallen, dann ist das Schicksal besiegelt alea iacta est. Ob es sich dann um einen »Glücksfall«, einen »Unfall« oder einen »Krankheitsfall« handelt, merkt man erst später.
Der Fälle gibt es viele: Ein »Fall für den Staatsanwalt« ist ein Ereignis, bei dem man eine Anzeige stellt egal, ob es sich um eine Beleidigung oder eine Sachbeschädigung handelt; ein »Fall für den Arzt« sind Situationen, in denen der medizinische Laie überfordert ist. Ein Fall ist also nicht bloß ein »Einzelfall«, sondern trägt in sich mindestens ein Merkmal, das er mit anderen potenziellen Fällen gemeinsam hat. Dadurch unterscheidet er sich von einem Ereignis. Bei einem Ereignis müssen erst gemeinsame Merkmale mit anderen Ereignissen entdeckt wer-den, bevor es als Fall erkannt werden kann. Das Merkmal, das einen ethischen Fall konstituiert, ist die ethische Fragestellung (»Soll ich ?«) oder das ethische Dilemma (»Was von beidem soll ich ?«), die oder das in ihm steckt. Und so gibt es bei einem ethischen Fall immer mehrere Handlungs- oder Entscheidungsmöglichkeiten, denen unterschiedliche, konfligierende Normen zugrunde liegen.
Wie findet man einen ethischen Fall?
»Jedes denkbare Ereignis ist moralisierbar«, schreibt Elke Wagner3 und wechselt damit die Perspektive zum Betrachter, der ein Ereignis als ethischen Fall klassifiziert. Zwar wird in einer Gesellschaft in der Regel Commonsense darüber herrschen, welche Ereignisse »moralisiert« werden, dennoch gibt es natürlich gewaltige Unterschiede, die von persönlichen Interessen und Werten, der Fähigkeit zu problematisieren oder dem Alter hervorgerufen werden.
Was einem Ethiklehrer oder einer Ethiklehrerin als »ethischer Fall« erscheint, mag einem Ethikschüler oder einer Ethikschülerin moralisch völlig unproblematisch vorkommen. Und andersherum. Auch aus diesem Grund ist die hier vorgeschlagene Unterrichtsidee nicht uninteressant.
Im Vorgehen, wie man einen ethischen Fall findet, lassen sich aber auf jeden Fall Gemeinsamkeiten finden. Diese Gemeinsamkeiten können als basics für ein Training der Wahrnehmungskompetenz dienen. Zum Beispiel schlägt Julia...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen