5. – 13. Schuljahr

Henning Franzen

Fallanalysen im Ethik- und Philosophieunterricht

In sechs Schritten zu einem reflektierten Urteil

Die Fallanalyse ist inzwischen fester Bestandteil des Philosophie- und Ethikunterrichts. Ihr Vorteil: Die Schülerinnen und Schüler gelangen, wenn sie sich methodisch angeleitet mit einem ethisch brisanten Dilemma auseinandersetzen, zu einem begründeten Urteil. Besonders bei tagesaktuellen gesellschaftlichen Streitfragen, aber auch für die Erarbeitung philosophischer Kernprobleme, etwa dem naturalistischen Fehlschluss, bietet sich die Beschäftigung mit »Fällen« im Unterricht an.

Das vorgeschlagene Schema zur Fallanalyse sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler, von ersten Intuitionen zu einem vorgelegten Fall ausgehend, diese methodisch geleitet kritisch prüfen und, gegebenenfalls durch weitere Überlegungen angeregt, schließlich am Ende ein besser begründetes, vorläufig abschließendes Urteil fällen können (s. Grafik ). Dafür müssen vor allem folgende, von Julia Dietrich in ihrem Beitrag in diesem Heft formulierte Fähigkeiten entwickelt werden:
  • »die Situationsbeschreibung und ihre Kritik [wahrnehmen],
  • die Explikation und Kritik bzw. Begründung der einschlägigen und gegebenenfalls konfligierenden (Werte und) Normen [bewerten],
  • das Urteil und die kritische Prüfung seiner Konsistenz [urteilen] sowie
  • die Formulierung einer konkreten Handlungsempfehlung und deren Evaluation [handeln].«1
Es ist klar, dass das Wahrnehmen vor allem in der Situationsanalyse (Schritt 3), das Bewerten vornehmlich in der normativen Analyse (Schritt 4) relevant ist. Je nach Lerngruppe, intendierter Kompetenzentwicklung, vorhandener Zeit oder den curricularen Vorgaben kann eine Fallanalyse im Ethik- bzw. Philosophieunterricht sehr unterschiedlich gestaltet werden. Das hier vorgestellte Schema2 ist daher sehr allgemein gehalten und offen für eine Ausgestaltung der einzelnen Schritte. Es muss stets an die konkrete Unterrichtssituation angepasst werden. Im Schema sind die Schritte analytisch voneinander getrennt, sie werden im Unterricht häufig ineinander übergehen (die Pfeile deuten an, dass es immer wieder Pendelbewegungen zwischen den einzelnen Schritten geben kann). Im Folgenden werden sie genauer beschrieben.
1. Der Fall
Eine Reihe didaktischer Entscheidungen ist bereits bei der Auswahl und Präsentation des zu untersuchenden Falls zu treffen.3
Motivation
Natürlich sollte der präsentierte Fall für die Schülerinnen und Schüler möglichst spannend und nicht zu leicht entscheidbar sein. Motivierend ist es, wenn Schülerinnen und Schüler selbst zu untersuchende Fälle vorschlagen oder zumindest bei der Auswahl beteiligt werden. Lebensweltnähe kann Motivation erzeugen, oft sind es aber auch besonders knifflige moralische Zwickmühlen, die motivierend wirken, selbst wenn sie fernab der Alltagserfahrung liegen.
Relevanz
Wenn eine ethische Problemfrage aktuell in den Medien diskutiert wird oder im schulischen Umfeld eine Rolle spielt, dann liegt es nicht nur aus Gründen der Motivation besonders nahe, sie im Rahmen einer Fallanalyse im Unterricht zu thematisieren. Auch fachwissenschaftliche Relevanz kann, insbesondere in höheren Klassen oder Kursen, ein Kriterium bei der Auswahl von Fällen sein, etwa wenn einschlägige Fallbeispiele aus der Fachliteratur im Unterricht diskutiert werden sollen.
Fachliche Eignung
Sollen bestimmte fachliche Aspekte anhand eines Falls vermittelt, geübt, vertieft oder problematisiert werden, steht natürlich dessen Eignung dafür an erster Stelle. Will man beispielsweise Dammbruch-Argumente oder den Sein-Sollens-Fehlschluss thematisieren, sollte man einen Fall wählen, der in der Debatte leicht Dammbruch-Argumente bzw. Sein-Sollens-Fehlschlüsse provoziert. Auch die leichte Verfügbarkeit geeigneten Materials (z.B. Stellungnahmen von Experten, aus Zeitungen etc.) kann ein Kriterium sein, sich für einen bestimmten Fall zu entscheiden.
Komplexität
Je nach Unterrichtssituation (Alter und...

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