7. – 10. Schuljahr

Alexander Chucholowski

Julias Entscheidung

Ein Recht auf Leben?

Die Themen Abtreibung und Recht auf Leben gehören zu den Klassikern unter den Fällen angewandter Ethik. Hier setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit der Situation von Julia auseinander, einer Schülerin und ambitionierten Sportlerin, die sich wegen einer ungewollten Schwangerschaft mit einem tiefgreifenden Wertekonflikt konfrontiert sieht.

Der vorliegende Fall von Julia gehört zu einer Reihe von Fällen, die das Hessische Schulfernsehen Ende der Neunzigerjahre bis Anfang 2000 unter dem Titel Entscheidungen produziert hat. Er sollte eigentlich als Videodownload auf unserer Seite zur Verfügung stehen, was aus lizenzrechtlichen Gründen nun leider nicht möglich ist.1 Dadurch verliert diese kleine Einheit bedauerlicherweise ihren ursprünglichen Reiz, da zu der Sendung nicht nur die Fallgeschichte, sondern auch eine Diskussion zwischen verschiedenen Experten, darunter Norbert Hoerster als Philosoph, gehört, deren Argumente die Schülerinnen und Schüler analysieren sollten. Durchführen kann man die kurze Einheit dennoch, da sie an Kontroversität kaum eingebüßt hat. Sie eignet sich für den Unterricht ab der Jahrgangsstufe 8, aber sicherlich auch als Einstieg in diese Problematik in der Sekundarstufe II.
Wer ist Julia?
Wie bei einer klassischen Fallanalyse wird zunächst eine semifiktionale Fallgeschichte erzählt, nämlich der Fall der 16-jährigen Julia, die bei einem Urlaubsflirt ungewollt schwanger geworden ist. Julia geht noch zur Schule und strebt außerdem eine Karriere als Eiskunstläuferin an. Die Schwangerschaft würde ihren Plänen ein abruptes Ende bereiten. Das wäre eine gewisse Parallele zur Biografie ihrer Mutter, die sich seinerzeit für einen Abbruch des Studiums entschied, um Julia zur Welt zu bringen und allein zu erziehen. Nun hat ihre Mutter beschlossen, ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Während Julia sich über einen möglichen Abbruch informiert, lernt sie beim Gynäkologen eine Frau kennen, die lange vergeblich versucht hat, schwanger zu werden, und nun voraussichtlich ein behindertes Kind zur Welt bringen wird, sich aber auf das Kind freut. Julia scheint noch unentschlossen zu sein und vertraut sich nur ihrer Freundin an, die ihr zum Abbruch rät. Wie sie sich allerdings am Ende entscheidet, bleibt offen, obwohl die Schlussszene doch eher vermuten lässt, dass sie sich für einen Abbruch entschieden hat.
Der Unterrichtsgang
Nach der Lektüre des Falls (M1 ) fällen die Schülerinnen und Schüler zunächst ein Spontanurteil (alternativ können sie sich auch auf YouTube das prämierte Fallvideo Plötzlich schwanger ansehen, das Schülerinnen und Schüler für einen Wettbewerb gedreht haben2). Anschließend beginnen sie dann mit der eigentlichen Fallanalyse (siehe Schema im Schwerpunktartikel von Henning Franzen in diesem Heft). Nachdem sie zunächst die Betroffenen sowie ihre Interessen, aber auch die konfligierenden Normen und Werte, identifiziert haben (Analyseraster im Material Extra, S. 4 ), findet die eigentliche Auseinandersetzung mit den Argumenten und Positionen statt, die die jeweilige Vorrangentscheidung rechtfertigen können. Die Schülerinnen und Schüler führen dazu eine ethische Analyse durch und beziehen dabei die zuvor erarbeiteten Argumente aus den beiden entgegengesetzten Positionen von Norbert Hoerster und Kardinal Lehmann (M2 ) ein. Darüber hinaus lässt sich die Frage nach dem Beginn personenhaften Lebens mit den SKIP-Argumenten vertiefen, die in dieser Auseinandersetzung immer wieder vorgebracht werden, wie zum Beispiel auch in der Stellungnahme von Kardinal Lehmann (M2). Dazu setzen sich die Schüler und Schülerinnen zunächst mit den Argumenten selbst auseinander und fassen diese kurz schriftlich in eigenen Worten zusammen.
Im Anschluss werden sie mit vier Szenarien von Christoph Merkel konfrontiert, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Argumenten anregen sollen (M3 ). Diese...

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