8. – 10. Schuljahr

Alexander Chucholowski

Kann Liebe ein Verbrechen sein?

Der Fall von Patrick und Susan

Kann Liebe, die schönste Sache der Welt, ein Verbrechen sein? Augenscheinlich ja, wie der Fall der Geschwister Patrick und Susan zeigt. An ihrem Beispiel diskutierten die Schülerinnen und Schüler die Facetten eines gesellschaftlichen Tabus bzw. einen damit verbundenen Wertekonflikt und erarbeiten sich im Rahmen einer Fallanalyse die Grundlagen für ein eigenes Urteil zum Inzest.

Auch der Liebe sind gesellschaftliche Grenzen gesetzt. Einige dieser Grenzen sind im Laufe der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte gefallen. So das Verbot der sogenannten »Rassenschande« oder auch das Verbot homosexueller Handlungen. Ein gesellschaftliches Tabu besteht jedoch noch, nämlich das Inzestverbot, gesetzlich untermauert durch §173 des StGB. Danach sind sexuelle Handlungen zwischen leiblichen Verwandten trotz Volljährigkeit strafbar, insbesondere auch der Beischlaf zwischen Geschwistern. Vertreter einer minimalistischen Ethik wie Ruwen Ogien sehen darin eine Verletzung der Freiheits-und Selbstbestimmungsrechte: Sofern beide Beteiligte zustimmungsfähig sind, zustimmen, ohne dazu gezwungen zu sein und niemandem unmittelbar einen Schaden zufügen, solle diese Handlung straffrei bleiben.1
Tatsächlich lässt sich das Tabu ethisch nur schwer rechtfertigen. Stattdessen werden die Bewahrung der familiären Ordnung sowie eugenische Argumente angeführt, wie etwa das erhöhte Risiko, Kinder mit Erbkrankheiten zur Welt zu bringen. Laut BVerfG schränkt §173 StGB die individuellen Persönlichkeitsrechte, insbesondere das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht unbillig ein, sofern den Beteiligten ja noch viele andere Möglichkeiten der Wahl eines geeigneten Sexualpartners bleiben.2 Der Deutsche Ethikrat empfahl 2014 auch die Revision des §173 StGB und die Abschaffung der Bestrafung einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs zwischen volljährigen Geschwistern. Dennoch bleibt dieses Thema sowohl juristisch als auch ethisch sehr umstritten.
Ein Fall von Inzest
Der vorliegende Fall ging vor knapp zehn Jahren durch die Presse und hat die Gerichte jahrelang beschäftigt. Es ist die Geschwisterliebe zwischen Patrick S. und seiner acht Jahre jüngeren Schwester Susan K. Beide sind getrennt voneinander aufgewachsen und haben sich erst kennengelernt, als Patrick 24 und seine Schwester 16 waren. Das plötzliche Wiedersehen sowie der überraschende Tod der gemeinsamen Mutter führten wohl dazu, dass die beiden sich näherkamen und zuletzt auch intim wurden. Zunächst fiel niemandem etwas auf, bis Susan dann im fünften Monat schwanger war. Eine Jugendamtsmitarbeiterin erstattete Anzeige gegen Patrick. Aus einer Liebesbeziehung wird die Strafsache 402 Js 35769/01.
In einem ersten Prozess 2002 wird Patrick zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Nachdem ein zweites gemeinsames Kind zur Welt kommt, das ihnen direkt nach der Geburt weggenommen wird, muss er 2004 für zehn Monate ins Gefängnis. Nach der Geburt des vierten Kindes wird er erneut zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt, erhält jedoch in einem Eilantrag Haftverschonung, bis das BVerfG in der Hauptsache entscheidet. 2008 bestätigt dieses jedoch das Urteil, gegen das Votum des Gerichtsvizepräsidenten, Winfried Hassemer. Auch ein Widerspruch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2012 blieb erfolglos. In der EU gibt es keine einheitliche Regelung.
Die hier vorgestellte Fallanalyse fällt in die Themenbereiche Liebe und Ethik bzw. Moral, da es einerseits um die Frage geht, ob der Liebe Grenzen gesetzt sind oder sein sollten und wie diese begründet werden können, andererseits geht es um einen handfesten Wertekonflikt zwischen der Selbstbestimmung des Einzelnen und Interessen der Gesellschaft an der Vermeidung schwerer Erbkrankheiten sowie am Schutz der familiären Ordnung.
Das Ziel der Fallanalyse ist, diesen Wertekonflikt deutlich zu machen und die Schülerinnen und...

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