5. – 13. Schuljahr
AUF DEN BEGRIFF GEBRACHT: Welt
Welt gilt gemeinhin als Inbegriff dessen, was ist, oder, enger gefasst, als Inbegriff aller Gegenstände bzw. dessen, was der Fall ist (Wittgenstein). Das ist allerdings bloß die Vorstellung einer kumulativen oder summativen Einheit, also ein mathematisches Konzept. Unabhängig davon gibt es jedoch eine große Bedeutungsvielfalt von ›Welt‹.
1. Welt in der Physik und Theologie
Welt ist das, was als All, Universum oder Kosmos in der Physik zum Gegenstand wird. In der Theologie erhält dies die Bedeutung von Schöpfung, dem also, was ein Schöpfer ins Werk gesetzt hat, um seine Geschöpfe darin anzusiedeln. In beiden Kontexten sind Raum, Zeit und Bewegung zur Welt zu zählen, und man kann hier vom Anfang und Ende der Welt sprechen.
2. Welt in der Philosophie
In der Philosophie hat sich für das, was sich vortheoretisch von selbst versteht, der Begriff der Lebenswelt eingebürgert; anthropologisch sind auch die Begriffe Innenwelt, Außenwelt und Mitwelt üblich, um die Bereiche von Subjekt, Objekt und Intersubjektivität zu bezeichnen. Jeder kann auch von ›seiner‹ Welt oder von der Welt, die nicht (mehr) die seinige sei, sprechen. Und selbst die Rede von dieser einen, aber auch von vielen anderen Welten, ist möglich und geläufig.
Neuerdings muss man die reale Welt von der virtuellen unterscheiden, damit man weiß, ob sich Ereignisse wirklich zugetragen haben oder ob sie lediglich Fiktionen sind oder Fiktionen von Realem.
3. Welt als Diesseitigkeit
Man sagt auch, dass jemand weltlich oder nicht weltlich gesinnt sei, dass man die Welt bejahen oder verneinen und ablehnen könne, der Welt entsagen oder sich ihr zuwenden wolle, dass die Welt gut sei oder so schlecht, dass man es nicht in ihr aushalten könne, oder dass jemand nicht von dieser Welt sei. So wird Welt als Inbegriff des Diesseitigen verwendet, des Bloß-Sinnlichen im Unterschied zum Jenseitigen, Übersinnlichen, in Gedanken Fassbaren, aber der realen Welt irgendwie Entgegengesetzten, sie Transzendierenden. Das wird allerdings nicht anders gedacht, als mit jenen real erlebbaren Grundformen versehen, die dann fantasiereich weitergesponnen werden.
Man neigt dazu, von diesem Standpunkt aus ›von oben‹ auf die Welt herabzublicken wie von einem einsamen Berg mit reiner Luft auf ein von Menschen wimmelndes Tal mit seinem Schmutz und Gestank. In diesem Sinne spricht man dann vom Außer- oder Überweltlichen (mit Nietzsche despektierlich von der Hinterwelt oder auch vom Hinterweltlerischen), das man mit ›Höherem‹, ›Besserem‹, auch moralisch Hochwertigem ausstattet und so von der profanen Welt abgrenzt.
4. Ambivalenz der Welt
Welt ist das, worin man zurechtkommt und sich auskennt, sich aufgehoben und heimisch fühlt; Welt ist aber auch das, worin man sich verlaufen kann, fremd fühlt und was einem unheimlich ist. Deshalb wird die Welt emotional eingeteilt in die vertraute Umwelt und die Fremde, die man beargwöhnt, beide aber vermischen sich in einem merkwürdig ambivalenten Grundgefühl, das in Mythen und Märchen, in Religion und Philosophie immer wieder thematisiert worden ist. Auch kann es lebensweltlich in der Sehnsucht nach einerseits Heimat, andererseits Abenteuer und überdies in einer Mischung von beiden, etwa in der portugiesischen Grundstimmung der saudade, zum Ausdruck kommen.
5. Ich und Welt
Dass man so unterschiedlich und dennoch allgemein verständlich von der Welt reden kann, liegt an der Struktur des menschlichen Daseins: Mit der Welt korrespondiert etwas, das auch, aber nicht bloß welthaft ist, das Ich oder Selbst. Ich und Welt stehen sowohl komplementär als auch in einem wechselseitig-implikativen Verhältnis zueinander. Das Ich steht der Welt gegenüber, und die Welt kann Inhalt des Ichs (bzw. seines Denkens) sein, das zugleich doch in der Welt ist.
Das ist nichts anderes als die Struktur unseres Bewusstseins und, wenn sie sich zur Deutlichkeit bringt, unseres Selbstbewusstseins. Daraus resultieren die subjektivistischen...

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