8. – 10. Schuljahr

Jan Eberspach

Müssen wir auf Palmöl verzichten?

Verantwortungsvoll konsumieren

Der gesteigerte Konsum von Palmöl ist verantwortlich für Umwelt-, Klima-, Menschenrechts- und Gesundheitsprobleme. Es liegt also nahe, einen möglichen Verzicht auf Palmöl zu erwägen. Im Rahmen einer Fallanalyse wird hier eine differenzierte und multiperspektivische Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Palmölnutzung angeregt, die die Schülerinnen und Schüler zu einem fundierten Urteil befähigt.

Fallbeispiel Palmöl
Durch die weltweit steigende und vielfältige Nutzung von Palmöl ergibt sich ein zentraler ethischer Konflikt. Auf der einen Seite stehen der Wunsch der Konsumenten nach einem freien, kostengünstigen, uneingeschränkt zugänglichen Konsum vieler mit Palmöl hergestellter Produkte sowie der Bedarf an einer nachhaltigen, nachwachsenden Ressource, die nicht-erneuerbare, fossile Brennstoffe ersetzen kann. Demgegenüber werden die Umweltschädlichkeit des Palmöls durch Brandrodung des Regenwaldes, entstehende CO²-Emissionen und Vernichtung des Lebensraumes bedrohter Tier- und Pflanzenarten ins Feld geführt. Im Ethikunterricht kann also die Frage aufgegriffen werden, ob und wie sich dieses Dilemma für die vielen Beteiligten (Verbraucher, Unternehmen, Bewohner- und Arbeiter sowie Tiere und Pflanzen) durch eigenes moralisches Handeln möglichst zufriedenstellend auflösen lässt.
Besonders problematisch ist die Frage nach der Nutzung des Palmöls aber vor allem deshalb, weil selbst Umweltorganisationen inzwischen von einem vollständigen Verzicht auf Palmöl abraten. Nach einer Studie des WWF ist der völlige Verzicht auf Palmöl keine gute Lösung für Klima, Tier- und Pflanzenwelt, weil stattdessen andere Pflanzenöle verwendet werden müssten, die in Herstellung und Transport eine noch wesentlich schlechtere Umweltbilanz aufweisen würden.1
Neben der zentralen Problematik eines verantwortungsvollen Konsums ergeben sich bei der Palmölnutzung aber noch weitere moralisch relevante Probleme, die über die Frage des Umweltschutzes hinausgehen. Dazu gehören die schlechten Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Plantagen und damit verbunden die Notwendigkeit, für Unternehmen und Staaten, die am Anbau des Palmöls beteiligt sind oder davon profitieren (Multiperspektivität), (menschen)rechtliche Rahmenbedingungen einzufordern. Die bestehende gesellschaftliche Diskussion um den angemessenen Umgang mit Palmöl ermöglicht die Einbindung eines aktuellen, schülerbezogenen, problemorientierten Fallbeispiels in den Ethikunterricht, das den Schülerinnen und Schülern sowohl eine Handlungsorientierung (durch die Reflexion des eigenen Konsumverhaltens) als auch einen Lebensweltbezug eröffnet.
Denn neben der aktuellen Debatte um mögliche Gesundheitsrisiken, die beim Konsum von Palmöl-Produkten entstehen können, bietet vor allem die Entdeckung eine schülernahe Einstiegsmöglichkeit, dass »in etwa jedem zweiten Produkt, das man im Supermarkt kaufen kann«2, Palmöl enthalten ist. Als Fallbeispiel aus dem Bereich der Umweltethik wird hier zudem die Frage aufgeworfen, wem gegenüber der Mensch grundsätzlich moralisch verpflichtet ist, also »welche Lebewesen Träger eines Eigenwertes bzw. intrinsischen Wertes sind und insofern nur um ihrer selbst willen zu beachten bzw. zu schützen sind, nicht aber aus instrumentellen oder ästhetischen Gründen«3. Je nachdem, wie weit man den Kreis des Eigenwertes zieht, lassen sich grundsätzlich verschiedene Positionen (vor allem die vier Ansätze der ökologischen Ethik) voneinander unterscheiden, die sich durch die »Ausdehnung der Werthaftigkeit aufeinander beziehen lassen«4.
Für eine fundierte ethische Analyse dieses Themas ist demnach eine moraltheoretische Bewertungsbasis von Nöten, welche die bloße Anwendung der vielen Schülerinnen und Schülern bekannten »goldenen Regel« auf das Fallbeispiel übersteigt, wofür sich insbesondere die Ansätze des Anthropozentrismus und des Biozentrismus als...

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