8. – 10. Schuljahr

Frauke Geibig

Rettungsgeschwister

Fallanalyse handlungs- und produktionsorientiert

Dürfen Eltern ein zweites Kind bekommen, um mit seinem selektierten Genmaterial ihr krankes erstes Kind zu retten? Diese Frage steht im Zentrum der schülernah und handlungsorientiert konzipierten Einheit. Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler ein großes Spektrum an Argumenten erarbeiten und kritisch hinterfragen. Als Unterstützung der Entscheidungsfindung fungiert ein Tafelbild, das die Phasen und Argumente der Auseinandersetzung dokumentiert.

Jährlich erkranken in Deutschland bis zu 12.000 Menschen an Leukämie darunter etwa 600 Kinder. Häufig sind die Eltern keine geeigneten Spender für die dringend benötigten Knochenmarkzellen. Um das Leben ihres Kindes zu retten, besteht jedoch die Möglichkeit, ein weiteres Kind zu bekommen, dessen Erbgut durch Mediziner so ausgewählt wird, dass es sich als Spender für die lebensrettenden Zellen eignet. Solche Kinder werden als Rettungsgeschwister bezeichnet. Die Praktik ist in einigen Ländern, wie zum Beispiel den USA oder Frankreich, zulässig, wird in Deutschland jedoch als problematisch angesehen. Ethisch umstritten ist besonders die Tatsache, dass bei der Auswahl des passenden Rettungsgeschwisters die ungeeigneten befruchteten Eizellen vernichtet werden.
Der fiktive Fall der Familie Braun greift diese Problematik auf. Anhand des Fallbeispiels führen Schülerinnen und Schüler eine Fallanalyse durch und lernen unterschiedliche Betrachtungsweisen kennen. Die vorliegende Unterrichtssequenz sieht dafür sechs Phasen vor. Ausgangspunkt ist das eigene Spontanurteil, das ohne Vorkenntnisse intuitiv gefällt wird. Daran schließt sich eine Auseinanderdsetzung mit unterschiedlichen Betrachtungsweisen an. In der durch ein konkretes Textbeispiel gelenkten Phase der Perspektivübernahme lernen die Schülerinnen und Schüler die Argumente der betroffenen Familienmitglieder, eines realen Rettungsgeschwisters und der Medizin kennen und vertiefen diese in Form einer Talkshow.
Der folgende Schritt besteht in einer ersten ethischen Annäherung durch eine genauere Betrachtung der sich im Konflikt befindenden Werte und wird durch eine Auseinandersetzung mit der deontologischen Position Kants und dem Utilitarismus abgerundet. Zum Abschluss fällen die Schülerinnen und Schüler in Form eines Zuschauerbriefs ein eigenes Urteil, unter Berücksichtigung aller für das Fallbeispiel relevanten Argumente.
Eine Fallanalyse in sechs Phasen
Phase 1: Die Präsentation des Fallbeispiels
Die Einführung in das Thema »Rettungsgeschwister« leistet ein kurzer Erzählimpuls: Der fiktive Familienvater Marc Braun berichtet nach einem Arztbesuch über den Fall seines Sohnes (M1 ). Ziel dieser Phase ist sowohl die erfolgreiche Inhaltssicherung dieses komplexen Themas als auch das Herausarbeiten der Problemstellung des Fallbeispiels: Dürfen Eltern ein weiteres Kind bekommen, um mit seinem passenden Erbmaterial ihrem anderen kranken Kind zu helfen?
Phase 2 : Ein Spontanurteil fällen
Nun fällen die Schülerinnen und Schüler ein Spontanurteil zum entdeckten Problem, indem sie die Frage beantworten. Das erfolgt über rote (für Nein) oder grüne (für Ja) Kärtchen, auf denen sie ihren Namen und ihr Hauptargument notieren. Die Ergebnisse werden am äußeren Teil der Tafel gesammelt und bilden den ersten Abschnitt des Tafelbilds. Durch das Sammeln an der Tafel ergibt sich nicht nur ein Gesamtbild der Abstimmung, sondern auch die Möglichkeit, die intuitiven Ergebnisse am Ende der Fallanalyse erneut aufzugreifen, um eventuelle Änderungen festzustellen und zu reflektieren (s. Tafelbild ).
Phase 3: Die Interessen der Betroffenen analysieren
Die dritte Phase dient der Auseinandersetzung mit den Interessen der Betroffenen. Dafür nehmen die Schülerinnen und Schüler die Perspektive einer bestimmten Figur ein und setzen sich mit ihrer Position genauer auseinander. Die Familie wird repräsentiert vom fiktiven Vater, Marc Braun, der...

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