8. – 10. Schuljahr

Uwe Rose

Was soll ich tun?

Recherche, Analyse und Präsentation moralischer Problemfälle aus dem Schulalltag

Selber denken! Andere Perspektiven einnehmen! Unser Alltag in der Schule eröffnet viele interessante Reflexionsmöglichkeiten. Die eigene Schulordnung und moralische Probleme des Schulalltags zum Gegenstand des Ethik-Unterrichtes machen kann das gelingen?

Die Grundidee
Der Schulalltag hält viele auch moralische Probleme bereit: Zwei Schülerinnen beschweren sich beim Klassenlehrer über einen Mitschüler, der sie angeblich mit seinem Smartphone auf dem Pausenhof fotografiert habe. Sie verlangen, dass die Fotos gelöscht werden (Klasse 8). Während einer Klassenfahrt wird die Nachtruhe nicht eingehalten: Gegen elf Uhr werden drei Schüler in einem fremden Zimmer erwischt (Klasse 10). Nach einer Klausur wird der Lehrerin mitgeteilt, dass Schüler X gespickt habe. Die Lehrerin hatte dies nicht mitbekommen. Es wird nun darauf hingewiesen, dass das ungerecht sei und eine Bestrafung erfolgen müsse (Klasse 12). Bei diesen und vielen anderen moralischen Problemfällen des Schulalltags stellt sich den Beteiligten jedes Mal die Frage: Was soll ich tun?
Die Grundidee dieser Unterrichtseinheit ist: Die Schülerinnen und Schüler selbst recherchieren, analysieren und beurteilen solche Problemfälle im Ethikunterricht und entwickeln mögliche Lösungen und Maßnahmen.
Vorsicht bei der Auswahl!
Bei der Recherche und Zusammenstellung von authentischen Problemfällen des Schulalltags ist das Unterrichtsprojekt mit einigen ernsthaften Schwierigkeiten und Fallstricken konfrontiert, die man als Lehrerin oder Lehrer unbedingt beachten sollte: Einigen Fall-Berichten wohnt die gefährliche Tendenz inne, moralische »Verfehlungen« von Lehrerinnen oder Lehrern sowie von anderen Mitschülerinnen und Mitschülern vor ein Tribunal des Ethik-Unterrichts zu stellen, und dann ist berechtigterweise Ärger vorprogrammiert. Meiner Erfahrung nach können etwa ein gutes Drittel aller von Schülerinnen und Schülern recherchierten Fälle salopp formuliert als »Beschwerden« über andere Lehrerinnen bzw. Lehrer klassifiziert werden. Die Notengebung wird als unfair oder intransparent angesehen, bestimmte Maßnahmen, Sanktionen oder Verhaltensweisen als ungerecht oder überzogen beurteilt und vieles mehr. Manche Fälle beruhen auch auf unverarbeiteten und unausgegorenen Erlebnissen von betroffenen Schülerinnen oder Schülern, die dann meist nicht unparteiisch und neutral dargestellt werden. Das sind Probleme und Schwierigkeiten, vor die eine solche Unterrichtseinheit gestellt ist.
Es kann nicht die Aufgabe des Ethik-Unterrichtes sein, die Arbeit von Streitschlichtern oder gar von Schulsozialarbeitern zu übernehmen, und es darf nicht passieren, dass das individuelle Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern bzw. von Schülerinnen und Schülern zum Unterrichtsgegenstand wird.
Die recherchierten Fälle sollen deshalb zwar in dem Sinne authentisch sein, dass sie möglich und quasi realistisch erscheinen, aber nicht in dem Sinne, dass sie wirkliche Personen und deren »Verfehlungen« zum Thema machen. Semi-reale Dilemmata verhindern auch eine zu starke emotionale Betroffenheit bei den Diskutierenden und schaffen dadurch ein förderliches Lernklima, in dem die ethische Fragestellung im Zentrum stehen kann. Die Formulierung von semi-realen Fällen ist ein schwieriger Balanceakt. Anonymität und Sensibilität bei der Zusammenstellung der Fälle ist hierbei das oberste Gebot, aber nicht immer problemlos zu realisieren. Selbst wenn man als Lehrerin oder Lehrer auf Anonymität achtet und diese auch vorab mit den Schülerinnen und Schülern thematisiert, muss man sich prinzipiell überlegen, ob man überhaupt Fall-Berichte über Lehrerinnen und Lehrer zulässt oder diese von vornherein lieber ausschließt.
Insgesamt kann man diesen Schwierigkeiten begegnen, indem man sämtliche recherchierten Fälle überprüft und in eine verallgemeinerte und verfremdete Darstellung...

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