8. – 10. Schuljahr

Anita Rösch

Wie kann man Kriminalität verhindern?

Ein dystopisches Gedankenexperiment

Kann man Kriminelle im Vorfeld erkennen? Hat das Böse eine spezifische Form? Diesen Fragen, vor allem aber den Konsequenzen, die eine positive Antwort darauf nach sich zieht, gehen die Schülerinnen und Schüler nach. Die brisanten Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld zeigen sich in der Auseinandersetzung mit einem jugendliterarischen Text, der Ausgangspunkt für ein Gedankenexperiment mit Fallanalyse wird.

Der Wahlkampf 2017 wurde wieder einmal zum Ausgangspunkt publikumswirksamer Schlagzeilen. So titelte die BILD-Zeitung »Innere (Un-)Sicherheit. 700 islamistische Gefährder, aber nur 100 in Haft«. Und eine Talkshow diskutierte über »Schläger, Diebe, Terroristen wie wird Deutschland sicherer?« Hinter all diesen populistischen Formulierungen steht der durchaus berechtigte Wunsch der Bevölkerung, sich vor Kriminalität und Gewalt zu schützen. Politik, Polizei und Justiz stellen sich die Frage, ob und wie man potenzielle Täter im Vorfeld erkennen und Taten so eventuell abwenden kann.
Geborene Verbrecher?
Schon in der Antike versuchte man, anhand der Physiognomie Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zu ziehen. In der Folge wurden dann je nach Zeit und Forscher mal kleine Ohren, dann die Stellung der Augen oder Augenbrauen, krause schwarze Haare, spärlicher Bartwuchs, Schmerzunempfindlichkeit oder die Schädelform als Zeichen dafür genommen, es mit einem geborenen Verbrecher zu tun zu haben.1 All diese dubiosen Theorien haben sich nicht bestätigt. In den 90er-Jahren jedoch entdeckten Forscher bei Straftätern vermehrt eine Mutation des MAOA-Gens. Menschen, die eine schwache Variante des Gens für Monoaminoxidase A (MAOA) besitzen, neigen unter bestimmten Umständen eher zu erhöhter Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft. Das Gen liegt auf dem X-Chromosom und wirkt daher bei Männern stärker. Eine Massenstudie mit knapp 600 Straftätern konnte nachweisen, dass die Mutation des MAOA-Gens tatsächlich die Gefahr erhöht, straffällig zu werden.2 Dies gilt aber nur dann, wenn auch andere ungünstige Voraussetzungen hinzukommen, das heißt, wenn die Täter etwa in der Kindheit selbst Opfer von Gewalt wurden, traumatische Erlebnisse hatten, aber auch Drogen- und Alkoholmissbrauch. Inzwischen weiß man, dass etwa 40 Prozent aller westeuropäischen Menschen diese schwächere Form des Gens besitzen.3 Sind das nun alles potenzielle Verbrecher? Wohl kaum.
Wer diesen Schluss zieht, unterliegt dem Fehlschluss einer unzulässigen Verallgemeinerung. Die meisten Verbrecher besitzen das schwache MAOA-Gen, aber nicht jeder, der das Gen besitzt, wird damit automatisch zum Verbrecher. Von der Existenz eines Gewalt- oder gar Mördergens kann also keine Rede sein, zu komplex sind die Ursache-Wirkungszusammenhänge. Letztendlich ist der Mensch nicht nur Opfer seiner Gene, sondern hat einen freien Willen, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.
Fallanalyse zum Gewalt-Gen
Der dystopische Jugendroman Infernale4 spielt genau mit diesen Fragen. Im Jahr 2021 wird in den USA mit der Durchführung flächendeckender DNA-Tests zum Homicidal Tendency Syndrome (HTS) und der Ausgrenzung potenzieller Täter begonnen, um die steigende Kriminalität einzudämmen. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht einer musikalisch hochbegabten Schülerin, deren Welt mit dem positiven Testergebnis auseinanderbricht. Sie muss die Schule verlassen, verliert ihre Freunde, und die Familie wendet sich von ihr ab. Der Roman zeigt, wie diese Tests Ressentiments und Panik in der Nachbarschaft potenzieller Täter schüren und Aggression und Gewaltbereitschaft der Gebrandmarkten aufgrund der Verzweiflung über ihre zunehmende soziale Ausgrenzung steigen. Erreicht wird letztlich das Gegenteil dessen, was eigentlich bezweckt wurde.
Das verwendete Material weicht ein wenig von dem klassischer Fallanalysen ab, geht es hier doch letztendlich um ein Gedankenexperiment, eine dystopische...

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