7. – 9. Schuljahr

Eva Müller

Abraham ist überall

In der Erzählung davon, wie Abraham sich seinem Gott so bedingungslos unterwirft, dass er sogar bereit ist, seinen eigenen Sohn zu ermorden, steckt gewaltiges Potenzial. So stellt sich aus philosophischer Perspektive etwa die Frage, ob es eine theologische Suspension des Ethischen gibt. Einige der Fragen, die sich zum Stammvater der drei großen monotheistischen Religionen stellen, werden hier bis auf die Sekundarstufe I heruntergebrochen für den Unterricht erschlossen.

»Von dem Tage an war Abraham alt, er konnte nicht vergessen, daß Gott solches von ihm gefordert hatte. Isaak gedieh wie vordem; Abrahams Augen aber waren verdunkelt, er sah die Freude nicht mehr.«1
Dass dieselbe Erzählung im Judentum, im Christentum und im Islam vorkommt, ist für Schülerinnen und Schüler ohne entsprechende Vorkenntnisse aus dem Unterricht meist eine Überraschung. Wenn eine Hälfte der Schülerinnen und Schüler Text 1 aus dem Koran erhält und die andere Hälfte die Textstelle aus der Bibel (Auszug M2 ist nahezu identisch mit dem Text aus der Tora),wird dieser Effekt verstärkt (M1+M2 ). Zuallererst jedoch muss der Inhalt der Erzählung verstanden werden: Gott/Allah fordert Abraham/Ibrahim auf, ihm seinen Sohn1 zu opfern. Kurz bevor es dazu kommt, greift ein Engel  / Allah selbst ein und verhindert die Tötung. Statt des Sohnes wird ein Tier geopfert. Aufgrund des absoluten Gehorsams verspricht Gott/Allah Abraham/Ibrahim und seinen Nachkommen ewigen Segen.
Die Darstellung im Alten Testament ist im Gegensatz zum Koranauszug dramatisch ausgestaltet. Die Reaktion Isaaks wird bis auf seine Nachfrage, wo denn das Opfertier sei nicht beschrieben. Abraham allerdings fesselt ihn, sodass im Unterschied zum Koran eine freiwillige Unterwerfung unter den Willen Gottes nicht wahrscheinlich ist.
Unterstützt wird das Verständnis des Inhalts durch den Abgleich mit den bildlichen Darstellungen in M3 aus christlicher (Bild 1), muslimischer (Bild 2) und jüdischer Sicht (Bild 3). Die dargestellte Handlung ist natürlich identisch, lediglich Accessoires legen eine Zuordnung nahe (so weisen etwa die Schriftzeichen auf Text 1 mit dem Begriff Allah hin). Von daher gibt es beim Arbeitsauftrag 1 auch kein Richtig oder Falsch, er schärft nur die Aufmerksamkeit und zahlt sich beim Arbeitsauftrag 2 aus. Nicht zuletzt dienen die Abbildungen dazu zu verdeutlichen, dass die Abraham-Erzählung in allen drei Religionen eine zentrale Rolle spielt. Daraus wird die weiterleitende Frage entwickelt, was dafür die Ursache sein könnte bzw. ist falls einige Schülerinnen und Schüler die Zusammenhänge bereits kennen.
Um die Frage nach der Ursache beantworten zu können erhalten die Schülerinnen und Schüler einen Text mit Informationen über Abraham (M4 ) und erstellen einen Stammbaum, aus dem hervorgeht, wie sich die Religionen ableiten lassen (M5 ). Vor allem im Islam wird Abraham auch als Begründer des monotheistischen Kultes verehrt. Eine Episode aus seinem Leben veranschaulicht dies (M6 ).
Gefahren eines bedingungslosen Glaubens
Gerade das Beispiel Abrahams zeigt aber auch, welche Gefahren ein unbedingter Glaube an einen Gott mit sich bringen kann, wenn ethische Werte dem untergeordnet werden. Dieses Thema können die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Weise erarbeiten. Der erste Zugang eignet sich für jüngere Schülerinnen und Schüler. Sie entwerfen ein Rollenspiel mit den Figuren Abraham, Sohn (Isaak/Ismael), Mutter (Sarah/Hägar) und Staatsanwältin/Staatsanwalt. In fiktiven Gesprächssituationen (Sohn und Vater auf dem Heimweg, Mutter und Abraham nach der Rückkehr, Bericht des Sohnes, Verhör vor dem Gericht) werden Abraham Fragen gestellt und seine Antworten kritisch hinterfragt.
Vermutlich werden sich die Fragen schon um die von Kierkegaard2 angedachten Schwerpunkte anordnen: Heiligt der Zweck die Mittel? Soll man Gottvertrauen über rationales Denken stellen? Darf man...

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