8. – 9. Schuljahr

Katja Andersson

»Ich glaube, es geht mir wirklich gut damit«

Das Jugendbuch »Anders frei als du« im Ethikunterricht

Ein Roman vollzieht die Entwicklung einer westlich-libertär sozialisierten Jugendlichen zu einer strenggläubigen Muslima nach und wirft dabei Fragen auf, die sich viele stellen: Was macht die Faszination einer strenggläubigen Version des Islams aus? Was bedeuten Religion und Glauben für die Identität, besonders für Jugendliche, die noch dabei sind, ihre Identität zu finden?

Christine Fehérs Roman Anders frei als du eignet sich als Lektüre in unserem Fach, weil er die (kritische) Auseinandersetzung mit Fragen zur Bedeutung von Religion anregen kann. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Die 16-jährige Malina schwärmt für Tarik, mit dem sie zusammenkommt. Obwohl Malina sich selbst als Atheistin beschreibt, beginnt sie, sich durch den Kontakt zu Tarik mit dem Islam auseinanderzusetzen. Auch als (jugendlicher) Leser erfährt man hier viel über den Glauben und besondere Glaubensinhalte des Islams.
Ein wiederkehrendes erzählerisches Element ist der E-Mail-Verkehr zwischen Malina und ihrer Cousine Hanna, die weit entfernt wohnt und gläubige Katholikin ist. Malinas Beschäftigung mit der Bedeutung von Religion beginnt hier mit dem Fragen nach der Bedeutung des Glaubens. Malina fühlt sich in das Glauben ein, man vollzieht als Leser nach, welchen Weg sie geht, um den für sie richtigen zu finden. Der Halt und die Geborgenheit, die Malina in Tariks Familie spürt sie fühlt sich regelrecht zu ihr hingezogen, weil sie so harmonisch wirkt ,führt zu einer Annäherung an den Islam. Diesen Aspekt der engen Familienbande kann man auch kritisch beleuchten, es wirkt zum Teil so, als hätten die Kinder der Familie nicht allzu viele Freiheiten. Die Faszination der westlich-aufgeklärten Figur der Malina von dieser Familie ist also nicht unmittelbar nachvollziehbar.
Eine andere zentrale Figur ist Malinas Mitschülerin Nesrin, deren streng islamische Lebensweise sie zunächst irritiert und später dann fasziniert. Nesrin erzählt Malina von den Antworten auf Fragen, die sie im Koran finden kann; diese Möglichkeit nimmt Malina an. Dass sie im Zuge dieser Entwicklung jedoch in Kauf nimmt, dass ihre beste Freundin nichts mehr mit ihr zu tun haben will, weil sie Allah für sich entdeckt hat, ist nur wenig glaubwürdig. Auch die Frage, ob der positive Blick auf die harmonisch wirkende Familie sowie die Schwärmerei für Tarik als Motive dafür ausreichen. Zum Islam zu konvertieren und eine kopftuchtragende, strenggläubige Muslima zu werden, ist sicher strittig. Hinzu kommen einige diskutable Aspekte, wie etwa ihre Einstellung zur Verschleierung: Malina lernt Tariks Mutter als liberale, recht westliche Frau kennen, in Jeans und unverschleiert. Sie selbst möchte aber keinesfalls ohne Kopftuch gesehen werden. Malina sieht ihre Religion, den Islam, als Freiheit aber ist es wirklich Freiheit, nicht mit ihrem Freund sprechen zu dürfen, wenn keine anderen Personen anwesend sind?
Zeitgemäß dargestellt werden die Reaktionen von Malinas Umfeld, nachdem sie konvertiert ist: Sie sieht sich klugen Ratschlägen, Vorwürfen, sogar Beleidigungen ausgesetzt, nur selten wird sie gefragt, was sie denkt, im Islam für sich gefunden zu haben. Die Nebenfiguren des Romans geraten in ein negatives Bild, was einen differenzierten Blick beim Lesen zum Teil auch erschwert, weil sie Malinas Erklärungen pauschal abtun oder mit Gemeinplätzen darauf reagieren. Bisweilen erweckt der Roman den Eindruck, dass hier ein bestimmtes eher negatives, weil holzschnittartiges Bild des Islams propagiert wird, der ein Stück weit die gesellschaftlich verbreitete Haltung stützt, hier vor allem dargestellt durch die Freunde und die Familie Malinas, die kritisch auf Malinas Veränderung reagieren, aber auch durch Malina selbst, die in ihrem Glauben rigoros und damit auch unnahbar erscheint. Auch die sich bisweilen aufdrängende Botschaft, dass Malina erst...

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