5. – 13. Schuljahr

Hakan Turan

Identitätssensible Kommunikation

Dem Wunsch nach Identität und Zugehörigkeit begegnen1

Eine Aufgabe von Schule ist es, Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und das heißt im Jugendalter vor allem: bei der Formung ihrer Identität zu unterstützen. Ein förderlicher Diskurs kann sich, so die These des Artikels, nur auf der Grundlage einer identitätssensiblen Haltung entwickeln, die sowohl im Hinblick auf die eigene Sprache als auch bei der Auswahl von Unterrichtsmaterial die Komplexität der kulturell-gesellschaftlichen Situation im Blick hat.

Für die meisten muslimischen Jugendlichen stellt die Frage nach ihrer »wahren« Identität und Zugehörigkeit die emotional aufwühlendste und anstrengendste Problematik dar. In der ersehnten legitimen Identität spielen als identitätsstiftende Faktoren nicht nur die deutsche Teilidentität, sondern auch die islamisch-religiöse Beheimatung und die Migrationsgeschichte ihrer Familien eine sensible Rolle auch wenn die Lebenspraxis selbst oft gar nicht am Islam orientiert ist oder die Umgangssprache im Alltag überwiegend Deutsch ist.
Integration von Teilidentitäten
Entwicklungspsychologisch bleibt also für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund die Herausforderung, dass sie klären müssen, wer sie denn nun wirklich sind und als wen die anderen insbesondere auch die Lehrerinnen und Lehrer sie wahrnehmen. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, verfügen stets gleichzeitig über mehrere kulturelle Prägungen, die über ihre sozialen Milieus vermittelt werden. Dies führt zu einzigartigen kulturellen Signaturen als Synthese dieser Einflüsse. Am wichtigsten sind dabei die mehrheitsgesellschaftliche (also »deutsche«) und die familial-kulturelle (etwa »türkische«) Prägung, wobei aufgrund der Inhomogenität von »Kultur« die konkret erlebten Ausformungen davon individuell sehr verschieden sein können. Hinzu kommt die religiöse Dimension, die sich im Laufe des Jugendalters oftmals von der familialen Prägung zunehmend abkoppelt (zum Beispiel »islamisch«).
Es ist eine Aufgabe von Schule, hier kohärente Persönlichkeits- und Identitätsentwicklungen zu unterstützen bzw. zu ermöglichen, also zu signalisieren, dass Schülerinnen und Schüler sich gleichzeitig beispielsweise als »deutsch«, »türkisch« und »muslimisch« fühlen dürfen und sich nicht für eine Teilidentität entscheiden müssen. Nur so kann aus einer habituellen kulturellen Misch-Signatur eine bewusste Identität werden (beispielsweise »deutsch-türkisch-islamisch«). Die Vereinbarkeit der Teilidentitäten in einer Person der gesamtgesellschaftlichen, der familiär-ethnischen und der religiösen immer wieder sichtbar zu machen, und zwar sowohl muslimisch geprägten Schülerinnen und Schülern gegenüber als auch den nicht muslimischen, da alle in derselben Gesellschaft leben, ist dabei ein erster Schritt.
Konkrete Ansätze
1. Unterrichtsdiskurs im Modus humanistisch begründeter Anerkennung
Um das Modell einer Vereinbarkeit von Teilidentitäten zu unterstützen, ist es wichtig, auf Botschaften zu verzichten, sei es verbal oder im Unterrichtsmaterial, die nahelegen, dass sich »deutsche« und »muslimische« (bzw. »türkische« etc.) Identitäten ausschließen. Dabei ist zu bedenken, dass Unterrichtsdiskurse nicht ohne eine Vorgeschichte in gesellschaftlichen Diskursen stattfinden. Gerade im Kontext des Themas Islam lassen sich drei große und miteinander konkurrierende Diskurstypen unterscheiden:
  • eskalierende Konfliktdiskurse, die von einer Unvereinbarkeit islamischer Werte mit dem Leben in einer freiheitlichen Demokratie ausgehen,
  • apriorische Egalisierungsdiskurse, in denen auch problematische kulturelle Erscheinungen in muslimischen Kontexten tabuisiert oder als in sich rational und letztlich gerechtfertigt dargestellt werden und
  • humanistische Anerkennungsdiskurse, die von einer generellen Unschuldsvermutung gegenüber allen...

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