10. – 13. Schuljahr

Mansur Seddiqzai

Im Konflikt mit Allah

Koranische Narrative gegen religiöse Blindgläubigkeit

Der Koran als Medium kontroverser Diskussionen? Das ist eine Lesart, die der landläufigen Vorstellung vom Koran als einem Text mit eher apodiktischem Charakter entgegensteht. Dass dieses Bild korrigiert werden muss, erfahren die Schülerinnen und Schüler hier in der Auseinandersetzunge mit ausgewählten Textpassagen aus den Prophetengeschichten und können auf dieser Grundlage das populäre, aber eindimensionale Bild des Islams ausdifferenzieren.Thematisch anbinden lässt sich das an den Themenbereich Heteronomie und Autonomie.

Religiöse Erziehung ist oft ein Mittel, die Unselbständigkeit und Abhängigkeit von religiösen Instanzen zu fördern. Naheliegend ist die Kritik am Umgang mit Autoritäten auf mehreren Ebenen: Orientiert man sich am Erziehungsideal der Mündigkeit, ist es nicht nur problematisch, sich der Gnade von Gott oder Allah zu unterwerfen. Auch die absolute oder monologische Autorität des Korans, der Einfluss von religiösen Lehrern (Hodschas oder Imamen) und der absolute Vorbildcharakter von Propheten und anderen Schlüsselfiguren der Offenbarung sollten hinterfragbar sein.
Am Beispiel der kontroversen Deutung einiger Prophetengeschichten lassen sich im hier vorgestellten Unterrichtsmodell zwei Einsichten gewinnen: Zum einen wird deutlich, dass sich Propheten im Koran keineswegs so bedingungslos der Autorität Gottes unterwerfen, wie es von konservativen Exegeten unterstellt wird. Zum anderen wird damit deutlich, dass der Koran nicht zu befolgen ist, sondern auch als Medium kontroverser Diskussionen dienen kann.
Koranische Narrative als Denkanstoß zu mehr Selbständigkeit
Die Prophetengeschichten des Korans und der Bibel weisen zahlreiche Überschneidungen auf. Eine prominente Rolle nimmt Abraham ein, der auch im Kontext der Hadsch (Pilgerfahrt) und des islamischen Opferfestes eine wichtige Figur ist. Neben Abraham spielen auch Moses, Josef, Lot und andere biblische Propheten im koranischen Narrativ wichtige Rollen. Die Prophetengeschichten werden, außer in Josefs Fall, nicht zentral abgehandelt, sondern verteilen sich auf den gesamten koranischen Textkorpus und sind dadurch fragmentarisch überliefert. Der Koran kennt keine thematische Ordnung, wie wir sie nach der westlichen Tradition der Strukturierung von Texten gewohnt sind. In der islamischen Bildungstradition wird den Prophetengeschichten aufgrund ihrer Zugänglichkeit durch ihren erzählerischen Charakter viel Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Geschichten sind vielen der muslimischen Schülerinnen und Schüler oft sogar in Detailfragen bekannt insbesondere die prominenteren.
Die moralischen Schlussfolgerungen konservativer Lesart sind allerdings zweifelhaft. Oft gilt religiöse Standhaftigkeit in schwierigen Situationen oder das Geprüftwerden durch Gott als Lehre. Im Falle der versuchten Sohnesopferung ist es Abrahams bedingungsloser Gehorsam, der in konservativer Interpretation als nachahmenswert gesehen wird. Diese Lesart verstärkt das konservativ-religiöse Erziehungsziel des Gehorsams gegenüber Gott und damit den Vertretern Gottes auf Erden: den religiösen Autoritäten. Die Propheten werden dabei zu willigen Instrumenten Gottes, die blinden Gehorsam leisten. Sie werden also nicht als eigenständige und kritische Menschen gelesen, sondern als »Automaten« oder Instrumente Gottes. Viele Details der Prophetengeschichten, die dieser rigiden Auslegung widersprechen, werden von religiösen Autoritäten ignoriert und nicht zur Rezeption freigegeben, sodass eine komplexere Sicht auf die Propheten erschwert wird.
Für den Ethikunterricht ergeben sich aus diesem Thema eine Reihe fruchtbarer Perspektiven: In erster Linie lassen sich auf diesem Weg einige Kenntnisse über den Koran, die sonst oft nur als religionskundliche Basisinformation ohne Raum für Kontroversen vermittelt werden, mit einem Kernthema des Ethikunterrichts, dem Verhältnis von Heteronomie...

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