8. – 10. Schuljahr

Judith Junk

Merves Weg

Mit Schülerinnen und Schülern einen Roman schreiben

Das Projekt zeigt, wie man innerhalb von sechs bis acht Wochen mit einem zweistündig unterrichteten Ethikkurs eine Erzählung schreiben kann. Obwohl es im konkreten Fall um das Beispiel religiöse Radikalisierung geht, ist die Vorgehensweise leicht auf andere Themen des Ethikunterrichts übertragbar. Das Produkt, das dabei entsteht, kann die Schulbibliothek und die heimischen Bücherregale bereichern.

Als vor einigen Jahren die Schreckensnachrichten aus Syrien zunahmen und der sogenannte Islamische Staat mit seinen Gräueltaten die Bilder in den Medien bestimmte, ließ das meinen Ethik-Kurs der 11. Klasse (E-Phase = erstes Jahr der Oberstufe) nicht kalt: Da wir uns gerade mit dem Halbjahresthema »Religiöse Sinngebung des Lebens« beschäftigten, fragten sich die (vor allem muslimischen) Jugendlichen, was Menschen dazu bewegt, sich einer terroristischen Organisation anzuschließen, die eine überwiegend ihre eigene Religion dafür missbraucht, um in deren Namen grausamste Verbrechen zu begehen.
Als dann noch Gerüchte aufkamen, dass sich ein Mädchen aus dem Bekanntenkreis einer Schülerin auf dem Weg nach Syrien befinde, wollte mein Kurs mehr über mögliche Motive für einen solchen Entschluss erfahren: Was treibt ein Mädchen aus Deutschland dazu, sein sicheres Zuhause aufzugeben, um Ehefrau eines IS-Kämpfers zu werden?
Zu dieser Zeit gab es noch keine Jugendbücher wie etwa das mittlerweile erschienene Dschihad Online1 von Morton Rhue zu diesem Thema; Sachbücher waren ebenfalls rar oder zu wissenschaftlich. Es blieben die Recherche im Internet, zahlreiche Zeitungsartikel und einige hilfreiche TV-Dokumentationen.
So entstand bei den Schülerinnen und Schülern die Idee, selbst eine Geschichte für Jugendliche zu schreiben, um das Thema Radikalisierung zur Sprache zu bringen. Ihr Vorhaben war, durch das Medium mit anderen Jugendlichen darüber zu kommunizieren, ohne den mahnenden Zeigefinger zu erheben. Dem Kurs war es ein echtes Anliegen, Präventionsarbeit von Peer zu Peer zu leisten.
Die Frankfurter Autorin Sonja Rudorf2 kam im Frühjahr 2015 in den Unterricht und half beim Schreiben einer Erzählung über ein deutsch-türkisches Mädchen, das sich dem radikalen Islam zuwendet und schließlich nach Syrien geht. Dieser Workshop konnte über Gelder der Schule finanziert werden; allerdings fehlten zunächst die Mittel, um die Geschichte zu veröffentlichen. Also suchten wir Sponsoren. In Kooperation mit der Stadt Rüsselsheim konnte die Erzählung schließlich gedruckt werden.
Ein Buch entsteht
Anfang November 2016 erschien Merves Weg3. Der Erlös aus dem Verkauf geht an das Violence Prevention Network (VPN).4 Auch wurden Klassensätze an die Stadtbücherei und an interessierte Schulen verschenkt. Am 26. Januar 2017 stellten die Schülerinnen und Schüler ihr Buch in der voll besetzten Aula vor und diskutierten mit einem Expertenteam (der Islamwissenschaftlerin Hayat Mahioui vom VPN, dem Islam- und Politikwissenschaftler Serdar Günes und der Theologie-Studentin Robina Farooq, die ihre Bachelor-Arbeit zum Thema Radikalisierung von Mädchen verfasst hat) sowie den anwesenden Gästen das Thema »Radikalisierung von Jugendlichen und Möglichkeiten der Prävention«.
Obwohl sich die Situation mittlerweile geändert hat und der IS nun dazu auffordert, vor Ort zu kämpfen statt in Syrien, bleibt die Frage aktuell: Was treibt Jugendliche dazu, sich zu radikalisieren? Merves Weg möchte hier einen Beitrag zur Debatte liefern, einen Gesprächsanlass und die Möglichkeit zur Reflexion.
Die Erzählung kann im Ethik-, Religions- oder auch im Deutschunterricht mit Klassen aller Schulformen der Jahrgangsstufen 8 bis 10 gelesen werden. Anregungen zur Gestaltung des Unterrichts finden sich im Anhang der Lektüre.
Schritt für Schritt
Wie schreibe ich mit einem Ethikkurs eine Erzählung?
Mögliche aktuelle Themen für ein solches Projekt aus dem Kontext sind...

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