10. – 13. Schuljahr

Hakan Turan І Eva Müller

Mord im Namen der Ehre

Patriarchalische Tradition und islamische Moralvorstellungen1

Ist das archaisch anmutende Konzept »Ehrenmord« ein genuin islamisches? Wo liegen seine gesellschaftlich-historischen Wurzeln? In der Auseinandersetzung mit Texten unterschiedlichster Genres setzen die Schülerinnen und Schüler sich kritisch mit dem brisanten Begriff und den Kurzschlüssen auseinander, die sich oft bei seiner Verwendung beobachten lassen.

D ie Auseinandersetzung mit dem Thema Ehre bzw. »Ehrenmorde« oder neutraler formuliert dem »Mord im Namen der Ehre« führt zu der dem Ehrenmord-Konzept zugrundeliegenden problematischen Gleichsetzung von patriarchalischer Härte und im engeren Sinne islamischen Moralvorstellungen. Die zu diskutieren und bestenfalls aufzulösen ist ein Ziel der hier vorgestellten Unterrichtseinheit. Zum anderen können daran anknüpfende weiterführende Fragen aufgegriffen werden. Der Einstieg in die Thematik erfolgt über eine Klärung des Begriffs »Ehrenmord« am Beispiel des Mordes an Hatun Sürüncü (M1 ), deren gewaltsamer Tod vor 13 Jahren durch die Presse ging (Abb. ).
Der Unterrichtsverlauf
Die in Aufgabe 2 aufgeworfene Frage, warum in der öffentlichen Debatte »Ehrenmorde« oft als Ausdruck islamischer Religiosität verstanden werden, führt zur Ausweitung der Perspektive auf die öffentliche Wahrnehmung des Phänomens. Es zeigt sich, dass in der islamischen Welt selbst in sehr traditionellen muslimischen Kreisen ganz unterschiedliche Konzepte von Ehre koexistieren. Ein genauerer Blick zeigt, dass das Konzept einer kollektiven Familienehre, die vom Verhalten der Frauen abhängt und die notfalls mit »Ehrenmorden« verteidigt werden muss, keinen originär islamischen Ursprung hat, sondern in überkommenen Traditionen stammesähnlich strukturierter ländlicher Regionen begründet liegt.
Jedoch kennt der Islam als Lehre selbst auch eine Art Ehrbegriff, der mit dem Sexualverhalten zusammenhängt, sich jedoch ausschließlich an das Individuum richtet und von ihm Keuschheit, das heißt sexuelle Enthaltsamkeit vor und außerhalb der Ehe, fordert, ohne zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden. Die Bearbeitung der Materialien M3 und M4 macht diese Unterscheidung sichtbar und kann Ergebnisse liefern wie die, die in der Tabelle zusammengestellt sind (s. M2 ).
Nachdem die Schülerinnen und Schüler auf der Ebene der Fakten erarbeitet haben, dass es unterschiedliche Ehrkonzepte gibt, die nicht (nur) auf dem Islam basieren, folgt die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man mit dem Phänomen in unserer Gesellschaft umgehen kann. Hierzu bekommen sie eine Postkarte (M5 ), die Terre des Femmes in Zusammenarbeit mit MaDonna Mädchenkult.Ur e.V. entwickelt hat: »Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen.« In der Diskussion können unterschiedliche Positionen entwickelt werden. Positiv gesehen werden kann, dass das Plakat die Strukturen des Konzepts der kollektiven Familienehre aufgreift, die Inhalte jedoch neu bestimmt: Statt Frauen in ihrer Freiheit einzuschränken, wird nun gefordert, für die Freiheit zu kämpfen. Auf der anderen Seite birgt die Aussage die Gefahr, dass die Strukturen des Konzepts der kollektiven Familienehre dadurch gefestigt werden und den Frauen die Freiheit, individuelle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und es selbstbestimmt zu gestalten, weiterhin abgesprochen wird. Diese Perspektive soll im Arbeitsauftrag 4 argumentativ gestützt werden.
Ein weiterer Diskussionspunkt, der sich nach der Erarbeitung des Themas ergeben kann, ist die Ausweisung des Islams als Integrationshindernis so behauptet es etwa Nicolaus Fest in seinem Kommentar (M6 ), der vom Presserat gerügt wurde, weil er »dem Islam als Glaubensrichtung die Integrationsfähigkeit pauschal« abspreche und Muslime diskriminiere. Die Auseinandersetzung mit dem Text sensibilisiert die Schülerinnen und Schüler für die politische Instrumentalisierung der...

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