9. – 9. Schuljahr

Hakan Turan

»Tötet sie, wo immer ihr sie antrefft«

Was sagt der Koran zum Krieg gegen Nicht-Muslime?1

Müssen sich Nichtmuslime vor dem Islam fürchten? Ist der Koran ein Buch der Gewalt? Antworten auf diese Fragen, die sich vor dem Hintergrund aktueller Meldungen gerade Nichtmuslime mitunter stellen, sind dringlicher denn je, schüren doch Populisten aller Couleur die Angst vor einem vermeintlich feindselig-aggressiven Islam und seinen Gläubigen. Die Schülerinnen und Schüler finden durch die Lektüre und Analyse einschlägiger Koranzitate zu einer begründeten Position.

Sowohl gewaltbereite Islamisten beispielsweise im dschihadistischen Salafismus als auch zahlreiche Islamkritiker und vermeintliche Islamexperten berufen sich auf das heilige Buch der Muslime und lesen aus dem Koran eine dauerhafte Kriegserklärung, ja sogar eine Rechtfertigung von Terror gegen Nichtmuslime heraus.2 Die aktuelle Diskussion um die Kriegsverse des Korans hat damit nicht nur eine ideologiekritische und koranexegetische, sondern auch eine integrationspolitische sowie eine identitätstheoretische Komponente. Denn aus solchen Versen lässt sich nicht nur die vermeintliche Notwendigkeit einer Alarmbereitschaft gegenüber dem Islam als mutmaßlich gewaltbereiter Ideologie ableiten, sondern mit ihnen wird auch ein Generalverdacht gegen jegliche islamische Identität geschürt, etwa wenn eine » direkte Linie von Al Qaida im Irak [] zu den Jugendlichen mit ›Migrationshintergrund‹ in Neukölln und Moabit«3 behauptet wird. Die skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Islam wiederum wird von radikal-islamistischer Seite als verstärkendes Argument für ihre eigene bipolare Weltanschauung instrumentalisiert.4
Die überwiegende Mehrheit der Muslime5 sowie zahlreiche nichtmuslimische Islamwissenschaftler6 hingegen betonen, dass die betreffenden Koranpassagen historische und textuelle Kontexte haben, die eine Verallgemeinerung der koranischen Kriegslehre zu einem auf Dauer gestellten Krieg anstelle eines Vorranges von Frieden unplausibel machen. Zentral ist hier auch eine Distanzierung von der unhaltbaren Auffassung, dass die späteren Kriegspassagen des Korans die früheren moderaten Aussagen zu Gunsten eines dauerhaften Krieges abgelöst hätten.7
Diese Punkte bilden die wesentliche Stoßrichtung dieser Unterrichtssequenz. Hier soll insbesondere deutlich werden, wie kontextsensitiv der Koran ist und dass ein Argumentieren mit vermeintlich eindeutigen Einzelzitaten aus dem Koran, wie es in fundamentalistischen Kreisen verbreitet ist8, dem Koran noch nicht einmal auf der Ebene des Wortlautes gerecht wird.
Kriegsverse des Korans
Schon diese kurze Darstellung zeigt, dass es bei diesem Thema ganz wesentlich auch um die prinzipielle Legitimierung eines dauerhaften friedlichen Miteinanders von Muslimen und Nichtmuslimen geht. Hierin liegen auch Potenziale und mögliche präventive Aspekte einer solchen Unterrichtseinheit: Zum einen wird extremistischen Auslegungen, die eine Tötung Andersgläubiger mit bloßem Hinweis auf die Glaubensdifferenz begründen und dabei auch keinen Unterschied zwischen bewaffneten Gegnern und unbeteiligten Zivilisten machen, ein deutlicher Widerspruch zu ihrem vermeintlich zentralsten Referenztext, also dem Koran, nachgewiesen. Zum anderen wird ein Islamverständnis vorgestellt, das Gewalt nicht verherrlicht und schon gar nicht verabsolutiert, sondern überwinden kann und möchte (Abb. 1 ), besonders dadurch, dass die defensive Intention der koranischen Kriegspassagen mit ihren Aufrufen zu einem mäßigenden Kriegshandeln herausgearbeitet wird.
Für alle Schülerinnen und Schüler nichtmuslimische und muslimische kann entlastend sein, wenn im Unterricht ausgesprochen wird, dass sich aus dem Koran kein verallgemeinerter Gewaltaufruf gegen Nichtmuslime ableiten lässt, wenn man ihn in seinem vollen Kontext studiert (s. dazu auch den Artikel Identitätssensible Kommunikation in dieser Ausgabe). Außerdem wird allen...

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