5. – 13. Schuljahr

Mouhanad Khorchide

Zugänge zum Islam

Ist die Offenbarung des Korans als göttlicher Monolog zu verstehen oder stehen Gott und Mensch in einem Dialog?

Am Beispiel zweier grundlegender Ansätze bei der Auslegung des Islams, einer dialogischen und einer monologischen, geht der Autor der Frage nach, wie Muslime das Verhältnis Gottes zu den Menschen verstehen und welche religionsimmanenten, aber auch alltagspraktischen Konsequenzen die Antwort auf diese Frage hat. Die eine islamische Ethik so die Quintessenz gibt es nicht, sondern unterschiedliche konkurrierende Lehrmeinungen.

Eine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis des Islam zu einem bestimmten Thema, etwa Demokratie, Geschlechterrollen, Menschenrechte, Ethik usw. zu finden, ist nicht leicht. Warum? Weil es eine Bandbreite von Antworten und Positionen innerhalb der islamischen Lehre zu jedem dieser Themen gibt. Muslimische Autoren, die Sätze verwenden wie: »Der Islam sagt zum Thema XY Folgendes: «, legen im Grunde und in der Regel ihre eigene Sicht auf die Dinge dar. Dagegen halte ich es für zielführender, wenn ich hier, statt meine eigene Position darzulegen, verschiedene muslimische Positionen zu der Frage nach einer islamischen Ethik vorstelle.
Es gibt im Islam unterschiedliche Konfessionen und Rechtsschulen1, und zwar nicht nur sunnitische und schiitische Konfessionen, sondern auch innersunnitisch und innerschiitisch gibt es mehrere Schulen und Lehrmeinungen.2 Die Behandlung all dieser Positionen würde den hier gesteckten Rahmen sprengen, daher werde ich zwei unterschiedliche Zugänge zum Islam präsentieren. Die Darlegung dieser beiden Zugänge ist als idealtypisch zu verstehen, denn in der Realität gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, die allerdings entweder in die eine oder in die andere Richtung tendieren. Ich nenne den ersten Zugang den monologischen und den zweiten den dialogischen. Wie der Leser schnell feststellen wird, mache ich mich hier wie auch in meinen Schriften und Vorträgen für letzteren stark.3
Monologischer versus dialogischer Zugang zum Islam
Der Islam ist wie das Christentum eine Offenbarungsreligion.4 Das heißt, der Islam basiert auf der Idee, dass sich Gott den Menschen offenbart und sich so den Menschen zugänglich macht. Das konkrete Verständnis des Islams hängt allerdings davon ab, wie Muslime die Offenbarung Gottes auffassen.
Wenn im Christentum von der Offenbarung Gottes die Rede ist, dann ist gemeint, Gott habe sich zunächst Moses und später dann in Jesus Christus offenbart. Die Bibel ist das Zeugnis der Offenbarung. Für den Islam hat sich Gott im Koran offenbart. Idealtypisch kann man die Offenbarung im Islam entweder als Monolog oder als Dialog Gottes auffassen. Worin unterscheiden sich beide Modelle und mit welchen Konsequenzen?
Die Offenbarung als Monolog Gottes bedeutet ein Verständnis vom Koran als ewige Selbstrede Gottes, die kontextunabhängig ist. Nach diesem Verständnis der Offenbarung stellt der Koran einen Akt der Verbalinspiration dar, in dem Gott sein heiliges Wort auf eine ahistorische Weise offenbart hat, die eine Berücksichtigung des Offenbarungskontextes überflüssig macht. Der Koran wird hier oftmals als universelle heilige Schrift gedeutet, deren Verse und Rechtsvorschriften an allen Orten und zu allen Zeiten Gültigkeit haben. Verfechter dieses Verständnisses der Offenbarung wollen die Souveränität Gottes wahren und meinen daher, dass sich Gott von keinem historischen Kontext abhängig macht, seine Rede gelte allen Menschen zu allen Zeiten in gleicher Weise.5 Dementsprechend habe Gott alles im Koran gesagt, was es zu sagen gebe. Der Koran sei daher ein abgeschlossenes Buch. Muslime müssten nur im Koran nachlesen, ihn philologisch richtig verstehen, dann wüssten sie, was Gott ihnen genau sagen wolle.
Die Offenbarung als Dialogangebot Gottes bedeutet hingegen ein Verständnis vom Koran als einer Kommunikation, die in der Zeit stattgefunden hat und vom historischen Kontext der...

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