5. – 6. Schuljahr

Philipp Thomas

Ich und die Anderen

Gunilla Bergström: Wo bist du, Willi Wiberg?

Dass bei der Frage nach dem Selbst und der eigenen Identität auch die Anderen in den Blick genommen werden müssen, erschließt sich zunächst einmal nicht unmittelbar. Bis wohin reiche ich? Wo beginnt der Andere? Anhand dieser Fragen des Jungen Willi Wiberg nähern die Schülerinnen und Schüler sich einem Selbstkonzept an, dessen Grenzen zum Anderen fließend sind.

Unterrichtseinheiten zu der Frage »Wer bin ich?« setzen oft auf die Entdeckung der eigenen Individualität samt Steckbrief, Eigenschaften, Stärken und Schwächen, Einmaligkeit und Zukunftserwartungen. Demgegenüber macht dieser Entwurf Schülerinnen und Schülern der Erprobungsstufe Angebote, einige Zusammenhänge rund um Identität und Alterität zu entdecken. Anstöße dazu gibt ihnen das Bilderbuch Wo bist du, Willi Wiberg? (s. Kasten
Zum Buch
Zum Buch
Gunilla Bergström
Wo bist du, Willi Wiberg?
Hamburg 2003
ohne Seitenangabe, 9,90
keine Altersangabe
In dem Bilderbuch ruft der Vater seinen Sohn Willi mit der Frage: »Wo bist du, Willi Wiberg?« Denn Willi soll den Müll herunterbringen. Statt gleich in die Küche zu kommen, versteht Willi diese Frage etwas anders und beginnt darüber zu philosophieren, wo seine Grenzen sind, das heißt, bis wohin er reicht. Zum Beispiel fragt sich Willi, ob die Wärme, die er auf dem Stuhl zurücklässt, auf den sich dann die Katze so gern setzt, auch noch zu ihm gehört und er sich sozusagen noch bis zum Stuhl erstreckt. Oder ob er auch noch in seiner Spucke da ist, die er auf dem Schulweg ausspuckt und die vielleicht den unterirdischen Krabbeltieren irgendwie nützlich sein kann. Willi stellt sich sogar vor, wie sein Atem, der noch nach dem eben gegessenen Apfel riecht, einen Mann an der Bushaltestelle unterbewusst dazu veranlasst, seinen Kindern später Apfelpfannkuchen zu backen. So findet Willi immer wieder neue erstaunliche Antworten auf eine scheinbar ganz einfache Frage.
).1 Im Hintergrund stehen hier Ideen Paul Ricoeurs zur Konstitution von Identität durch Alterität.
Ricoeur unterscheidet Identität als mêmeté (Selbigkeit) und Identität als ipséité (Selbstheit).2 Selbigkeit ist bekannt als die übliche diachrone Selbigkeit, als das Phänomen, dass wir über die Zeit hinweg trotz aller Änderungen doch dieselben bleiben, zum Beispiel im Hinblick auf bestimmte Vorlieben oder Charaktermerkmale. Selbigkeit ist weniger auf Alterität angewiesen. Anders die Selbstheit. Die gibt es nur in und durch lebensentscheidende Beziehungen. Das ist das Neue und Interessante der Gedanken Ricoeurs. Selbstheit entsteht etwa im gehaltenen Versprechen, das Eltern einem Kind gegenüber oder das Partner einander geben. Beziehungen wie diese bestehen wesentlich aus dem Versprechen, gewissermaßen ›unabhängig von der Tagesform‹ füreinander da zu sein, also auch über jene, durchaus vorhersehbaren Zeiten hinweg, zu denen einem grundsätzliche Zweifel am anderen kommen und einen der Mut verlässt. Selbstheit ist somit eine Art ethische Identität.
Lernziel der Unterrichtseinheit ist weniger die Unterscheidung von Selbigkeit und Selbstheit. Vielmehr geht es mir um die Dimension der Selbstheit, also darum, dass die Kinder eine Vorstellung davon entwickeln, dass bei der Frage »Wer bin ich?« nicht nur individuelle Eigenschaften interessant sind. Sondern ich selbst reiche auf ganz spezifische Weise in die Identität anderer Menschen hinein und diese Menschen reichen in mich hinein, machen mich erst zu dem, der ich bin etwa durch ihre Liebe, ihre Forderungen oder dadurch, dass uns eine gemeinsame Geschichte verbindet. Wo bist du, Willi Wiberg? kann diese besondere Dimension, die Ricoeur Selbstheit (ipséité) nennt, erschließen helfen.
In diesem Bilderbuch ruft Papa Willi mit der Frage »Wo bist du, Willi Wiberg?«, denn Willi soll den Müll herunterbringen. Statt gleich in die Küche zu kommen, versteht Willi diese Frage etwas anders und beginnt darüber zu...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen