9. – 10. Schuljahr

Laura Georges | Sandra Binnert

Jeden Tag ein Anderer ein Gedankenexperiment

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Kann man jeden Tag jemand anderes sein? Um diese Frage dreht sich die Geschichte von A, der zwar seine äußerliche Erscheinung ändert, aber eine konstante Person ist. Dieses Setting ist der Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit dem Leib-Seele-Problem, einer grundlegenden philosophischen Fragestellung, die auch die Frage nach Identität und Person berührt.

Ist es vorstellbar jeden Morgen in einem anderen Körper und einem neuen Leben aufzuwachen und sich gleichzeitig als losgelöstes Individuum zu fühlen? Eine unglaubliche Geschichte, die David Levithan in seinem Jugendroman erzählt, denn genau so geht es dem Protagonisten oder der Protagonistin A (s. Kasten).
Zum Buch
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David Levithan
Letztendlich sind wir dem Universum egal
Frankfurt a.M.: Fischer Verlag 2016
416 S., 16,99
ab 14 Jahren
Levithan schickt seine Leser auf eine fantastische Reise in das innere Wesen des Menschen. A wacht jeden Morgen in einem anderen Körper auf. Er versucht, das Leben der Personen, in deren Körper und Leben er morgens aufwacht, nicht zu beeinflussen und keine Spuren zu hinterlassen. Das fällt ihm nach dem Treffen mit dem Mädchen Rhiannon jedoch immer schwerer. Als A eines Tages in dem Körper von Justin wach wird, Rhiannons Freund, lernt er Rhiannon kennen und lieben. Mit den wachsenden Gefühlen stellt sich die Frage, ob eine Liebesbeziehung zwischen den beiden überhaupt möglich sein kann. Denn A kann nicht beeinflussen, in welchem Körper er aufwacht, männlichen oder weiblichen Geschlechts, mit heller oder dunkler Hautfarbe, gesundem oder krankem Körper. Die einzigen Konstanten sind das jugendliche Alter der Körper und ein begrenzter Radius, in dem A jeden Morgen erwacht. A kämpft um Rhiannons Vertrauen zu seiner Person, die in fremden Körpern, aber als konstante Größe in Erscheinung tritt. Da sie die erste Person ist, die A in sein Geheimnis einweiht, plagen ihn große Ängste. Rhiannon muss ihre Vorlieben und Neigungen, etwa im Hinblick auf Geschlecht oder Aussehen, ablegen und einem äußerlich fremden Menschen vertrauen.
Hinzu kommt, dass sich A in das Mädchen Rhiannon verliebt und die Kontrolle über sein bisheriges Leben zu verlieren droht.
Die Geschichte lässt den Leser in die Persönlichkeit einer geschlechtsneutralen Person eintauchen. Die facettenreichen Charaktere verleihen der Geschichte Substanz und machen sie für junge Leserinnen und Leser attraktiv. Gleichzeitig macht sie verschiedene komplexe Thematiken zugänglich wie etwa Liebe, Freundschaft oder Adoleszenz, die im Ethik- oder Philosophieunterricht intensiv bearbeitet werden können. 2016 hat David Levithan eine Fortsetzung aus der Sicht Rhiannons verfasst, die in Auszügen in den Unterricht integriert werden kann.
Leib sein Leib haben
Der Roman schickt seine Leser auf eine Reise durch das Bewusstsein. Ein Gedankenexperiment, das das Vorstellungsvermögen junger Leser gewiss auf eine völlig neue Art und Weise anregt: Sich seinem Ich und seinem Körper bewusst sein, diese Erfahrung kann jeder nachvollziehen. Man nimmt seinen Körper mit all seinen Neigungen, Trieben, Wünschen und seiner Beschaffenheit wahr. Doch kann man auch eine Person sein, wenn man nicht an eine körperliche Hülle gebunden ist? Kann ein »Geist« unabhängig von einem Körper existieren? Wie stehen Körper und Geist miteinander in Verbindung?
Diese komplexen Fragen stellt auch das klassische Leib-Seele-Problem. Das hat René Descartes zugespitzt und in den Fokus der Philosophie gerückt. Der geistigen Welt, die von Bewusstsein, Emotionen und Vorstellungen dominiert wird, steht die körperlich kausal geschlossene Welt gegenüber, die vollständig erklärbar ist. Doch damit stellen sich mehr Fragen, als das Modell Antworten gibt: Ist der Körper wirklich ein kausal abgeschlossenes physikalisches System? Können beide Komponenten unabhängig voneinander...

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