5. – 13. Schuljahr

Ethik & Philosophie in der Kunst Bildende Kunst mit Büchern? Rezensionen

Im Jahr 1982 bin ich mit meinen Eltern zur Jugendweihe in die damalige DDR gefahren. An der innerdeutschen Grenze wurden alle vom Westen her kommenden Autos genau untersucht. Man brauchte eine Einladung aus dem Osten und die entsprechenden Papiere, man musste Geschenke genau deklarieren und ich musste damals das Buch Heidi von Johanna Spyri abgeben. Man sagte zwar, man könne es bei der Ausreise an einem bestimmten Grenzübergang wieder abholen, aber der Aufwand wäre zu groß gewesen. Ich verstand damals überhaupt nicht, was an Heidianstößig sein könnte. »Ein Mittel, westlichen Einfluss möglichst zu vermindern, war das Verbot von minderwertiger Literatur. Bücher wie sentimentale und kitschige Märchen und Kindergeschichten (Johanna Spyri) und Bücher mit flacher Abenteuerromantik (Karl May) wurden zum Aussortieren auf einer Oberschulleiterkonferenz genannt.«1
Verbotene Bücher sind kein deutsches Phänomen aus der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR. Überall auf der Welt wurden und werden Bücher verboten, auf der documenta 14 in Kassel werden sie zu einem Kunstwerk.
Ein Tempel gegen die Zensur
Seit 1955 findet die documenta alle fünf Jahre in Kassel statt. Es ist eine Kunstausstellung, die nach dem zweiten Weltkrieg als wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst weltweit an Bedeutung gewonnen hat. Der künstlerische Leiter dieser 14. Ausgabe ist der Pole Adam Szymczyk (*1970), der die Ausstellung erstmals in Athen und Kassel gleichberechtigt mit etwa 150 Künstlerinnen und Künstlern stattfinden lässt.
Fast alle Künstler sind in beiden Städten vertreten, jedoch mit unterschiedlichen Arbeiten, Performances und Installationen. Themen wie Flucht, Migration und Krisen bestimmen die Schau, deren Arbeitstitel »Von Athen lernen« ist.
Das größte Kunstwerk der diesjährigen documenta 14 ist eine begehbare Installation in Gestalt eines griechischen Tempels, der aus einem mächtigen Stahlgerüst und etwa 100.000 darauf montierten verbotenen Büchern besteht. Der Parthenon der Bücher steht mitten auf dem Friedrichsplatz vor dem Fridericianum, dem zentralen Ausstellungsort jeder documenta, und ist, so sagt es die Künstlerin selbst, das wichtigste Werk von Marta Minujín.
Einen kleineren Parthenon der Bücher hatte die argentinische Künstlerin bereits 1983, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur, an einer Hauptverkehrsstraße in Buenos Aires errichtet. Im Jahr 2011, als Buenos Aires die UNESCO-Welthauptstadt des Buches war, baute sie dann einen Turm zu Babel aus 20.000 Büchern, die während der Militärdiktatur verboten waren. Aber nun in Kassel sind es sehr viel mehr Bücher, und der Parthenon hat die Originalgröße des gleichnamigen griechischen Tempels auf der Akropolis: 70 Meter lang, 30 Meter breit und 14 Meter hoch. Es ist ein work in progress, dessen Grundsteinlegung bereits am 22. Oktober 2016 auf dem Friedrichsplatz erfolgte und das seitdem wächst und sein Aussehen verändert.
Sammeln und bauen: der Parthenon als Gemeinschaftswerk
Die Bücher wurden und werden von Kasseler Bürgerinnen und Bürgern, Besuchern der Documenta, aber auch weltweit von Unterstützern gestiftet und von einem Aufbauteam nach und nach um die Säulen herum und auf die beiden mächtigen Tympanonfelder (das sind die dreieckigen Giebelflächen) mit Hilfe von Plastikfolie installiert. Die Folie dient dem Schutz der Bücher vor Nässe, soll aber auch dem nächtlichen Vandalismus entgegenwirken.
Im ersten Spendenaufruf zur Frankfurter Buchmesse 2016 heißt es: »Bis zu 100.000 einst oder gegenwärtig verbotene Bücher aus der ganzen Welt werden für die Realisierung des Werks auf dem Kasseler Friedrichsplatz benötigt, dort, wo am 19. Mai 1933 im Zuge der sogenannten ›Aktion wider den undeutschen Geist‹ rund 2.000 Bücher von den Nazis verbrannt wurden. 1941 fing das Fridericianum das damals noch als eine Bibliothek genutzt wurde während eines Bombenangriffs der Alliierten Feuer...

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