9. – 10. Schuljahr

Lara Dreut | Anita Rösch

Was unterscheidet den Menschen vom Menschenaffen?

Kenneth Oppel: AffenbruderDer Jugendroman über einen Schimpansen, der als Mitglied einer Familie aufwächst, regt viele Fragen an, die an das Selbstverständnis des Menschen als Krone der Schöpfung rühren. Ausgehend von der Lektüre setzen die Schülerinnen und Schüler sich mit anthropologischen Fragen zum Begriff der Person auseinander, aber auch mit tierethischen.

Die genetische Differenz zwischen Menschenaffen und Menschen beträgt zwischen 1,7 Prozent (Schimpansen) und 5 Prozent (Orang Utan). Mensch und Schimpanse sind so eng verwandt, dass Forscher sie beide zur Gruppe der Hominiden zählen.1 Die Verwandtschaft zeigt sich nicht nur im Genom, sondern auch im Verhalten: Menschenaffen benutzen Werkzeuge, führen Kriege, leben in Gruppen, pflegen soziale Kontakte, können Sprache erlernen und lösen komplizierte Probleme.
Können Affen sprechen?
Die Ähnlichkeit hat immer wieder Evolutionäre Anthropologen, Biologen, Psycholinguisten und Verhaltensforscher herausgefordert, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede genauer zu bestimmen. In diesem Forschungskontext wurde auch das Sprachvermögen von Menschenaffen untersucht. Aufgrund ihrer anatomischen Voraussetzungen können Menschenaffen nicht sprechen.2 Während man zunächst aus der mangelnden Artikulation auf ein nicht vorhandenes Sprachvermögen schloss, begannen Forscher in den sechziger Jahren mit Experimenten, Schimpansen die amerikanische Taubstummensprache beizubringen. Die Verhaltensforscherin Beatrice Gardner und ihr Mann, der Psychologe Robert Allen Gardner, brachten der Schimpansin Washoe im Laufe weniger Jahre mehr als hundert Gesten bei.3 Sie fanden heraus, dass die Schimpansin die Gesten nicht nur nachahmte, sondern zu neuen Wortbedeutungen verknüpfte. Ihre Fähigkeiten gab Washoe an ein von ihr adoptiertes Affenbaby weiter. Peter Singer berichtet in seiner Praktischen Ethik von weiteren Lernerfolgen von Menschenaffen.4
Bei all diesen unstrittigen Ergebnissen wurde immer wieder diskutiert, wie die Zeichensprache der Menschenaffen zu bewerten ist. Ist es vor allem Nachahmung, oder kann man hinter den Äußerungen ein tiefergehendes Sprachvermögen ausmachen? Gängige Lehrmeinung in der Primatenforschung ist heute, dass die Kommunikation der Schimpansen nicht als Sprache im menschlichen Sinne bezeichnet werden kann. Die Anzahl der verfügbaren Zeichen ist zu beschränkt und sie können nicht hinreichend zu neuen Bedeutungen kombiniert werden. Affen können außerdem nur über Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung kommunizieren, nicht aber über Vergangenheit und Zukunft sowie Orte und Objekte, die gerade nicht zu sehen sind. Die kognitiven Fähigkeiten für derart komplexe Kommunikation fehlt den Affen.
Zum Buch
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Kenneth Oppel
Affenbruder
Weinheim: Beltz Verlag 2015
439 S., 17,95€
ab 14 Jahren
Der Schimpansenforschung und ihren Erkenntnissen widmet sich der kanadische Autor Kenneth Oppel in seinem Jugendroman »Affenbruder«. Er verpackt die Ergebnisse anthropologischer und psycholinguistischer Forschung in ein Jugendbuch, das nicht nur danach fragt, wie ähnlich sich Affe und Mensch sind, sondern auch, wo die Grenzen einer wissenschaftlichen Ethik überschritten werden. Aus der Sicht von Ben, Sohn des Forscherehepaars Tomlin, wird die Geschichte des Schimpansen Zan erzählt. Zan wird in die Familie aufgenommen und wie ein Menschenkind aufgezogen. Im Rahmen des Familienlebens soll Zan die Zeichensprache erlernen. Als Zans Fortschritte stagnieren, werden die Forschungsgelder und Zan an eine Forschungsstation verkauft. Bens Befürchtungen, dass Zan an ein Forschungslabor weiterverkauft werden soll, bestätigen sich. Der Familie gelingt es, Zan zurückzukaufen und in ein Schimpansenasyl zu geben, wo Zan mit Artgenossen artgerecht leben kann. Eingebettet ist die Geschichte von Zan in schulische und private Erlebnisse von Ben, das Zurechtfinden in einer Umgebung, Freundschaften und erste...

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