5. – 13. Schuljahr

Sabine Anselm

Werteerziehung mit Literatur?

Das besondere Potenzial literarischer Texte für den Ethikunterricht

Werteerziehung in der Schule gleicht einer dilemmatischen Gratwanderung: Sie muss jedem Einzelnen helfen, eigenständig seinen Weg zu finden, ohne ihn alleinzulassen. In dieser Situation machen literarische Texte Angebote, die Wertreflexionsprozesse anregen können mit der gebotenen Offenheit: Literatur hat identitätsstiftendes Potenzial und ist mehr als ein Medium zur Steigerung der Lesefertigkeit.

Die Herausforderung schulischer Werteerziehung ist eine doppelte: Wer Werte vermittelt, transportiert zugleich Weltanschauungen und ist damit im Kontext von Bildung und Erziehung begründungspflichtig. Dabei bilden Werte einerseits einen orientierungsstiftenden Kompass, da sie die Ziele des Handelns sowie kognitive und emotionale Prozesse steuern. Andererseits können sich Werte, wenngleich sie durch relative Absolutheit gekennzeichnet sind, grundlegend verändern. Denn unter modernen Bedingungen ist eine metaphysische Begründung nicht mehr möglich. Werte verdanken sich keiner überzeitlich gültigen Vorstellungswelt, sondern stellen historisch kontingente Konstruktionen dar.
Als weitere Herausforderung kommt hinzu, den Überblick in Fragen der Werteerziehung zu behalten: Unterrichtsgegenstände im Klassenzimmer sind nämlich nur scheinbar autonom. Sie erhalten didaktische Funktion und schaffen einen spezifischen Gebrauchszusammenhang, sobald sie im unterrichtlichen Kontext thematisiert werden. Die Relevanz einer hierfür notwendigen ethischen Urteilsfähigkeit wird im Blick auf den Literaturunterricht nicht erst in jüngster Zeit thematisiert1, sondern erweist sich als grundsätzliche Anfrage, wie beispielsweise die Überlegungen Nicolai Hartmanns aus dem Jahr 1926 dokumentieren: »Unmerklich tun sich an Lehrgegenständen und Lebensfragen die Wertprobleme auf, und ungewollt leitet ein jeder, der rügt, rät, aufmerksam macht oder literarischen Stoff bespricht, den Wertblick des Unverbildeten auf seine ewigen Gegenstände, die ethischen Werte. Je jünger und unfertiger die Lernenden, umso verantwortlicher und folgenschwerer der Einfluß. Der zu enge Wertblick des Pädagogen ist allemal eine ernstliche Gefahr für die ihm anvertraute Jugend. [...] Der Grund des Übels ist die ethische Unbildung des Erziehers. Hier hat die philosophische Ethik eine höchst aktuelle Aufgabe. Sie hat den Erzieher zu erziehen, wie dieser die Jugend zu erziehen hat.«2 [Hervorhebung S.A.]
Es bedarf also eines professionellen, altersgerechten Umgangs mit ethischen Implikationen, und zwar das ist besonders interessant auch im Umgang mit literarischen Texten. Dies geschieht nicht zuletzt, weil dem Literaturunterricht damals wie heute eine große Bedeutung im Kontext der Persönlichkeitsbildung zuzuschreiben ist. Denn das Verstehen von Literatur leistet einen Beitrag, Wertewelten zu verbinden, und schult bezogen auf ästhetische Bildungsprozesse den Blick für ethische Fragestellungen sowie deren Beurteilung. Diese reflective literacy gilt es zu fördern, um eine wesentliche Voraussetzung für ethische Urteilsfähigkeit zu schaffen. So betrachtet, fungieren »Texte als Mittler zwischen Kulturen«3: Literatur schenkt Augenblicke des Verstehens, fördert die Sicherheit der ästhetischen wie ethischen Urteilskraft bzw. der Begründung, das heißt der logischen Kohärenz. Literatur hat also Potenzial für ethische Bildungsprozesse. Gleichwohl besteht eine Grundsatzfrage schulischer Werteerziehung, wie sie in der Folge der Ereignisse bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts formuliert wird, darin zu hinterfragen, inwieweit es dem Staat zukommt, verpflichtend bestimmte Wertevorstellungen zu vermitteln.
Die rechtlichen Grundlagen
In den Fokus der Diskussion gerät hier die Vereinbarung, die nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur gilt und die beispielsweise auch im Beutelsbacher Konsens in dem sogenannten Überwältigungsverbot...

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