10. – 13. Schuljahr

Patrick baum | Michael Schöngarth

Aufklärung 2.0

Was bedeutet Mündigkeit im Zeitalter der Digitalisierung?

Schon Kant hat Aufklärung und also den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit als dauerhafte Aufgabe gesehen. Wie stellt sich dieses Postulat zur Selbstaufklärung im »Zeitalter der Digitalisierung« dar? Der Mensch, so die These dieses Artikels, bedarf einer »systemischen Bildung«, die ihm das reflektierte Interagieren mit natürlichen und künstlichen Organismen in der Infosphäre, seinem neuen Lebenumfeld, ermöglicht.

Aufklärung als Aufgabe
Immanuel Kants Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) gehört fraglos zu den wirkungsmächtigsten Texten des Königsberger Philosophen. Seinen kanonischen Status beansprucht dieser Text ganz zurecht, denn er formuliert einen Appell zum Selbstdenken, dessen Aktualität im Zeitalter von Fake News und Influencern kaum größer sein könnte, und macht darüber hinaus auf ein Problem aufmerksam, das die sich selbst Aufklärenden vielleicht notwendig begleiten muss: die Hybris, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt für vollends aufgeklärt zu halten. Diese Hybris befällt gerne Erwachsene, wenn sie sich mit Kindern und Jugendlichen befassen, namentlich Lehrer, die ja einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit darauf verwendet haben, sich selbst aufzuklären (zum Beispiel als Teil der »Leserwelt«, wie Kant die Gruppe der sich durch Medien Unterrichtenden nennt).
Wenn Kant 1784 die Frage aufwirft, ob wir bereits in einem »aufgeklärten Zeitalter« leben, und dies entschieden verneint, so macht er uns darauf aufmerksam, dass der »Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit« eine dauerhafte Aufgabe bleibt, die womöglich nie abgeschlossen ist.1 Und so hat der Appell, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und das »verdrießliche Geschäft des Selbstdenkens« nicht an andere abzugeben, auch gegenwärtig eine hohe Relevanz und Dringlichkeit (M1 ).
Aufklärung 2.0: Kritik des Computerdenkens und systemische Bildung
Das Selbstdenken in einer ausdifferenzierten Gesellschaft unter den Bedingungen der Digitalisierung ist allerdings vor ganz neue Herausforderungen gestellt: Die »Vormünder« sind heute weniger sichtbar, als sie es vielleicht zu Kants Zeiten waren, aber in ihrem Einfluss ungleich wirksamer. Zugleich hat die Hybris, sich für aufgeklärt zu halten, im Zeitalter ubiquitärer Vernetzung von Daten und Menschen neue Nahrung bekommen. Es bedarf also gewissermaßen einer Aufklärung 2.0, zu der schon einige Beiträge vorliegen. Der amerikanische Philosoph James Bridle hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Segnungen der Digitalisierung uns in eine falsche Sicherheit wiegen: Die stetig wachsende Verfügbarkeit beliebiger Datenmengen und die Vermehrung des Wissens durch die computergestützte Auswertung dieser Datenmengen befeuert die Auffassung, dass wir uns die Welt in immer exakterer Weise erschließen, mithin dass wir uns immer besser aufklären und Zusammenhänge immer transparenter werden.2 Dieses Denken Bridle findet dafür den Ausdruck Computerdenken (computational thinking) fungiert gewissermaßen als der große Meta-Vormund unserer Zeit; gedacht werden kann nur noch im Rahmen dieses Computerdenkens, und was nicht in diesen »frame« passt, kommt gar nicht mehr in den Blick, kommt nicht mehr in Betracht.
Ironischerweise führt aber diese vermeintliche Transparenz für die Mehrzahl der Menschen mit Kant gesprochen: das sich aufklärende Publikum gerade nicht zu mehr Aufklärung, sondern verdunkelt im Gegenteil unseren Blick auf die Welt und befördert Obskurantismus, gegen den Aufklärung sich von jeher positioniert hat: Für die Menschen bleibt opak, wie die Datenmengen (Big Data) zustande kommen, und ihnen ist auch nicht klar, wie sie durch Computer interpretiert werden; die Algorithmen sind für uns nicht transparent.
Die Relevanz der Ergebnisse dieser Auswertung können wir dann mangels Einblick auch kaum beurteilen; wir sind darauf...

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