10. – 13. Schuljahr

Flucht und Exil

Von Exilantin zu Exilantin
»Das 20. Jahrhundert gilt vielen als ein ›Jahrhundert der Flüchtlinge.‹«1 Unzählige Menschen waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und standen vor der schwierigen Aufgabe, eine neue zu finden. Diese Menschen wurden zu Exilanten, Staatenlosen oder, so könnte man sagen Grenzgängern: »nicht ganz Meer, nicht ganz Land«, wie die beiden Flüchtlinge in ihrem Poetry Slam Hinter uns mein Land ihre Situation beschreiben (vgl. Ethik&Unterricht 2/2018, S. 50).
Hannah Arendt und Judith Shklar sind nur zwei Beispiele unter vielen. Beiden ist gemeinsam, dass sie jüdische Frauen des 20. Jahrhunderts sind, die aufgrund der politischen Umstände zu Staatenlosen wurden. Während Hannah Arendt das nationalsozialistische Deutschland verlassen musste, floh Judith Shklar aus ihrer Heimatstadt Riga. Beide fanden ihre neue Heimat schließlich in den USA, wo sie sich unter anderem aus der Perspektive von Exilantinnen und Philosophinnen mit der Thematik Flucht und Exil auseinandersetzten. In Bezug auf ihre Beschreibung dieser besonderen Exil-Situation ist der Vergleich der beiden Philosophinnen ausgesprochen fruchtbar.
Auf der Flucht sein
Die Flüchtlingsproblematik ist nicht nur spezifisch für das 20. Jahrhundert. Auch heute noch fliehen Millionen von Menschen aus ihren Heimatländern und müssen an den Grenzen immer wieder erfahren, dass ein Land nicht bereit ist, sie aufzunehmen. Grenzgänger sind diese Menschen deshalb, weil sie oftmals weder von ihrem Heimatland noch von einem potenziellen neuen Ankunftsland Rückhalt und Schutz erfahren.
Shklar bezeichnet dieses Übel als ein Doppeltes: ein Mangel an Loyalität und ein Mangel an Verpflichtung. Während sie unter Loyalität die affektive, emotionale Bindung an eine soziale Gruppe versteht, meint sie mit Verpflichtung »ein regelgeleitetes Handeln«, das sich auf »Gesetze und gesetzesartige Ansprüche« bezieht, »die von öffentlichen Instanzen erhoben werden«2. Affekt und Verstand werden damit bei Shklar einander gegenübergestellt. Sowohl Loyalität als auch Verpflichtung spielen eine Rolle bei der Frage nach der Möglichkeit von Mitgliedschaft.3
Was für Exilanten auf dem Spiel steht, ist für Shklar nicht nur die Tatsache, dass sie sich möglicherweise weder ihrem Heimatland noch einem neuen Land zugehörig fühlen, sondern auch und hierin stimmt sie mit Hannah Arendt überein dass sie aus dem Rahmen der Legalität herausfallen und aufhören, eine juristische Person zu sein. Genau darin also besteht für die beiden Autorinnen die spezifische Situation von Staatenlosen und das größte Übel.
Staatsbürgerschaft als Menschenrecht
Ausschlaggebend sind für Neuankömmlinge wie Arendt in ihrem Essay Wir Flüchtlinge schreibt letztendlich nicht ihre Anpassungsfähigkeit und Loyalitätsbeteuerungen sei es gegenüber dem alten oder neuen Land , sondern die Tatsache, ob diesen Menschen die Staatsbürgerschaft gewährt wird oder nicht. So sagen sowohl Shklar als auch Arendt, dass Staatsbürgerschaft in irgendeinem Land das eine notwendige Menschenrecht unseres Jahrhunderts sei.
Obwohl sich die rechtliche Lage von Flüchtlingen nach 1945 verbessert hat Menschenrechte, Genfer Flüchtlingskonvention, Asylrecht stellt sich auch heute die Frage, ob Arendts und Shklars Diagnose nach wie vor zutrifft. Mit der Einführung der sogenannten Drittstaatenregelung 1993 hatten Asylsuchende, die über sichere Drittstaaten nach Deutschland eingereist sind, keinen Anspruch mehr auf Asyl in Deutschland, was eine Reihe von Problemen in der europäischen Migrationspolitik auslöste.4
Flucht als Unterrichtsthema
Die Thematik der Flucht ist also hoch aktuell und damit auch von Bedeutung für die Lebenswelt von Jugendlichen. Überall wirs von dem Flüchtling gesprochen doch was zeichnet ihn eigentlich aus? Teil einer Unterrichtsreihe könnte zunächst sein, Flüchtlinge selbst zu Wort kommen zu lassen. So könnten die Schülerinnen und Schüler sich zunächst eher mit...

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