10. – 13. Schuljahr

Markus Pfeifer

Die Vereinnahmung Kants im Nationalsozialismus

Vertiefung undTransfer mit Littells Roman »Die Wohlgesinnten«

Isabelle Guntermanns Stundentypen-Modell sieht im vierten und letzten Schritt eine Vertiefungs- und Transferstunde vor, in der die Urteilsbildung zu profilieren ist, indem die Schülerinnen und Schüler auf Grundlage des zuvor erarbeiteten fachlichen Wissens begründet Stellung beziehen. Am Beispiel einer Unterrichtsstunde zur Vereinnahmung Kants im Nationalsozialismus werden der Anspruch sowie der Aufbau einer solchen Transferstunde exemplarisch verdeutlich.

Im Zentrum der Stunde stehen ein Auszug aus dem Roman Die Wohlgesinnten des französischen Schriftstellers Jonathan Littell und das Ansinnen, die Schülerinnen und Schüler ihre zuvor erworbenen und erlernten inhaltlichen Kenntnisse zu Kant auf den neuen Anwendungsbereich übertragen zu lassen, indem sie Fehlinterpretationen aufdecken und im Sinne Kants richtigstellen. Dadurch bilden sie zunächst ein argumentativ abgesichertes Sachurteil. Ein abschließendes Werturteil lässt sich anbinden, indem die Ansicht, nicht der Wille mache einen KZ-Aufseher zum Mörder, sondern der bloße Zufall, mit Kant und dessen Primat der praktischen Freiheit kritisch reflektiert wird.
Die Position Eichmanns
Die Hinführung erfolgt über den Zusammenhang eines Eichmann-Zitats mit der während der Unterrichtsreihe erfolgten Erarbeitung des Pflichtbegriffs nach Kant. Das umfasst eine kontrastive Gegenüberstellung Eichmanns als eines angeklagten NS-Verbrechers und Massenmörders mit dessen eigener Überzeugung, im Kantischen Sinne gehandelt zu haben (M1 ). Dieser Kontrast soll eine von Anfang an distinkte in diesem Fall ablehnende Stellungnahme provozieren, für die die Schülerinnen und Schüler in der Folge eine rational-argumentative Untermauerung erarbeiten.
Diese erfolgt in der Phase der Hypothesenbildung, indem an dem neuen Materialtext bereits erarbeitete Argumente und Inhalte der Kantischen Philosophie rekonstruiert werden. Die Auseinandersetzung erfolgt anhand des Auszugs aus dem Roman Die Wohlgesinnten des französischen Schriftstellers Jonathan Littell (M2 ). In diesem Roman ist die fiktive Biographie des SS-Offiziers Max Aue dargestellt, der als Ich-Erzähler in kalter und nüchterner Weise von seinen Taten im Dritten Reich berichtet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.
Exkurs zur Textauswahl
Aufgrund der gründlichen, jahrelangen Recherche des Autors und seines Bemühens, die Denkwege der nationalsozialistischen Ideologen möglichst real nachzubilden, qualifiziert sich der Roman als Arbeitstext im Unterricht. Dem im Auszug wiedergegebenen Gespräch kommt trotz der fiktiven Gestaltung ein hohes Maß an Authentizität zu, da es Bezug nimmt auf die historische Quelle Hans Franks, der den »kategorischen Imperativ im Dritten Reich« in Die Technik des Staates1 tatsächlich so ausformuliert hat, wie er wiedergegeben ist. Das Gespräch gewinnt nicht nur dadurch, sondern auch durch die darin geführte Argumentation den Charakter, als hätte es so tatsächlich stattfinden können. Es ist gerade die Tatsache, dass in dem Textauszug eine Argumentation versucht wird, die den Text für den Philosophieunterricht qualifiziert.2 Denn ein philosophischer Text im Philosophieunterricht zeichnet sich in erster Linie durch die dort vorgenommene argumentative Lösung eines Problems aus.
Wegen dieser argumentativen Ableitung der nationalsozialistischen Ideologie aus dem kategorischen Imperativ Kants überzeugt der Text außerdem aus sachlich-didaktischer Sicht. Die Argumentation kann als Kontrastfolie verwendet werden, an der sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Entgegnung abarbeiten können.3
Auch wenn die Vermischung der realen Person Eichmann und der fiktiven Romanfigur Eichmann aus streng fachlicher Sicht problematisch erscheinen könnte, dürfen und müssen diese beiden Positionen im Unterricht vermischt werden, um den philosophischen Gehalt des...

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