10. – 13. Schuljahr

Patrick Baum

Kant ad usum delphini

Mit Nach-Texten Transferaufgaben gestalten

Die Texte Immanuel Kants gelten als inhaltlich wie sprachlich außerordentlich anspruchsvoll; nicht zuletzt die komplexe Syntax, die ihren Ursprung in der damals üblichen lateinischen Gelehrtensprache hat, verstellt manchem Leser den Weg zu Kants Gedankenwelt. Wie kann der Zugang schon für jugendliche Leserinnen und Leser geebnet werden?

Eine Passage aus Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) setzt eine verbreitete Leseerfahrung mit den Texten Kants eindrücklich ins Bild: »Aber schon der nächste Tag brachte eine herbe Enttäuschung. Törleß hatte sich nämlich am Morgen die Reclamausgabe jenes Bandes [von Kant; P.B.] gekauft, den er beim Professor gesehen hatte, und benützte die erste Pause, um mit dem Lesen zu beginnen. Aber vor lauter Klammern und Fußnoten verstand er kein Wort, und wenn er gewissenhaft mit den Augen den Sätzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, knöcherne Hand ihm das Gehirn in Schraubwindungen aus dem Kopfe.«1 Entsprechend groß ist der Bedarf an »Abkürzungen« auf diesem beschwerlichen Weg. Der Buchmarkt bietet zahlreiche Werke, die hier Abhilfe versprechen: Kant für Anfänger (ab 1998, mehrere Bände), Kant in heutigem Deutsch (2013), Kant in 60 Minuten (2015), Philosophie für Einsteiger: Immanuel Kant (2017), um nur einige zu nennen.2 Diese Texte erheben den Anspruch, eine Darstellung des Gehaltes der Kantischen Philosophie unter Abzug ihrer syntaktischen oder semantischen Schwierigkeiten zu bieten.
Kant in der Schule
Da der schulische Ethik- und Philosophieunterricht nicht ohne Schaden auf die Behandlung von Kants Philosophie verzichten kann, die Originaltexte die Schülerinnen und Schüler aber nicht selten vor große Verständnisschwierigkeiten stellen, die denen des Zöglings Törleß entsprechen dürften, liegt es prima vista nahe, bei der Erarbeitung philosophischer Positionen auf solche »Nach-Texte« zurückzugreifen (den Begriff hat Volker Steenblock geprägt; siehe dazu meine in der Rubrik Schule formulierte Position und die von Vanessa Albus und Leif Marvin Jost).
Solche paraphrasierenden Texte beinhalten natürlich immer bestimmte Deutungen des Originals; im Extremfall sind sie ad usum delphini geschrieben, also nicht nur vereinfacht, sondern für einen bestimmten Leserkreis zugerichtet, um ein bestimmtes Textverständnis zu erzeugen. Mit solchen Texten kann man eine philosophische Position nicht angemessen erarbeiten, es bedarf des Blicks in das Original. Gleichwohl lassen sie sich im Unterricht sinnvoll einsetzen.
Im Folgenden möchte ich zwei Beispiele präsentieren, die zeigen, wie man auch mit stark deutenden Nach-Texten zu Kant durchaus produktiv im Unterricht arbeiten kann nämlich indem man sie nicht als Ersatz des Originals, sondern als Teil der Rezeptionsgeschichte betrachtet und sie in Transfer- respektive Übungsphasen zum Einsatz bringt.
Vom guten Nutzen der Nach-Texte
Gensichens »Kant in heutigem Deutsch«: eine gute Übersetzung?
Hans-Peter Gensichen hat mit seiner Publikation Kant in heutigem Deutsch ein Werk vorgelegt, das für einige kleinere Aufsätze Kants unter anderem den Aufklärungsaufsatz eine Art ›Übersetzung‹ anbietet. Im Nachwort seiner Publikation legt der Autor die Prinzipien seiner Übersetzung dar und räumt ein, dass derlei Textrevision durchaus in Gefahr gerät, den Gedanken des Originaltextes zu verfälschen oder zu verflachen. Durch gelegentliche Kontrastierung mit dem Original und die Offenlegung seiner Prinzipien schafft Gensichen durchaus Transparenz. Dennoch wird man bei der Erarbeitung der Philosophie Kants diesen Übersetzungen nicht den Vorzug vor dem Original geben.
Ihre Stärke entfalten sie aber da, wo sie gleichsam als Hilfsmittel dienen können, den Schülerinnen und Schülern die eigene Textarbeit zu erleichtern oder sie zu überprüfen. Denn streng genommen macht Gensichen nichts Anderes als das, was wir den Schülerinnen und Schülern...

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