10. – 13. Schuljahr

Markus Pfeifer

Kant im neuen Gewand: ein kantischer Utilitarismus

Was von Kant in Derek Parfits Triple-Theorie übrig bleibt

Vor allem drei Aspekte der Theorie Derek Parfits können im Unterricht fruchtbar gemacht werden, nachdem die Schülerinnen und Schüler sich mit dem Handlungs- und Regelutilitarismus und mit der Pflichtethik Kants vertraut gemacht haben. Über die Parfitschen Denkfiguren, so die These, können die Kantische Ethik ihrer kontraintuitiven Elemente entledigt und zugleich der Gegensatz zwischen Pflicht- und utilitaristischer Ethik überbrückt werden.

Leicht kann man sich von Derek Parfits Kant-Rezeption herausgefordert, ja provoziert fühlen, wenn er die für ihn leitenden Kernelemente der Kantischen Ethik analysiert. Parfit Fehlinterpretationen zu unterstellen, ist aber nur stichhaltig, wenn man seinen Ansatz als reine Kant-Exegese versteht.1 Das möchten seine Ausführungen aber gar nicht sein. Sein Anliegen ist, Schwachpunkte der Kantischen Ethik aufzudecken und daraus eine plausiblere Ethik zu entwickeln, die weniger kontraintuitive Elemente als Kants streng deonontologischer Standpunkt enthält und in Fallbeispielen generiert. Parfit versucht sich also eher an einer Überarbeitung der Kantischen Formel2 und weniger an einer hermeneutischen Ausdeutung.
Parfits Projekt einer integrativen ethischen Theorie
Leitend ist dabei ein zugleich würdigender sowie progressiver Gedanke: »Wir sollten von den großen Philosophen lernen, dann aber versuchen, weitere Fortschritte zu machen. Wenn wir auf den Schultern von Riesen stehen, sind wir möglicherweise in der Lage, weiter zu sehen als sie selbst.« (Parfit 2017, S. 292) Überzeugende, eine Ethik tragende und begründende Kernelemente Kants gilt es daher nach Parfit herauszustellen, dabei sich ergebende Probleme und Widersprüche aufzudecken, um sodann eine tragfähigere ethische Theorie zu entwickeln, die von den dargelegten Mängeln befreit ist und besser mit einigen unserer ethischen Intuitionen harmoniert.
Letztlich überführt Parfit seine Überlegungen in seine Triple-Theorie, die nicht weniger unternimmt, als den Berg der Ethik von drei verschiedenen Seiten, namentlich der Kantischen Pflichtethik, dem Utilitarismus (Konsequentialismus) und dem Kontraktualismus zu erklimmen. Auf dem Gipfel angekommen ergebe sich sodann die Einsicht, dass alle Ethiken in ihrer Grundüberzeugung übereinstimmen: »Es ist eine verbreitete Überzeugung, dass es solche tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Kantianern, Kontraktualisten und Konsequentialisten gibt. Ich habe dafür argumentiert, dass diese Überzeugung falsch ist. Diese Leute besteigen denselben Berg von verschieden Seiten.« (Parfit 2017, S. 348)
Die eminente Bedeutung dieser Einsicht liege nach Überzeugung Parfits darin, gegen den Zweifel an der Möglichkeit von moralischen Wahrheiten überhaupt zu strahlen. Denn, so sein Standpunkt, der stärkste Grund dafür, an moralischer Wahrheit zu zweifeln, ergebe sich durch grundsätzliche moralische Meinungsverschiedenheiten (vgl. Parfit 2017, S. 347). Werden diese Meinungsverschiedenheiten gelöst, so schwinde der Zweifel an dem Wahrheitsgehalt moralischer Einsichten, sodass moralische Wahrheiten gesichert seien. Insgesamt also versteht sich Parfits Ethik damit letztlich als ein Beleg dessen, worauf es ihm ankommt: auf den Nachweis, dass Ethik nicht relativ oder beliebig ist.
Parfits Kant-Lektüre für den Unterricht nutzen
Ein Aufriss der argumentativ recht diffizilen Begründungen Parfits kann an dieser Stelle nicht erfolgen und ist auch sicherlich im unterrichtlichen Zusammenhang nicht möglich. Ich konzentriere mich daher auf drei Aspekte, die in den Unterricht der Sekundarstufe II gewinnbringend einfließen können, nachdem sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Handlungs- und Regelutilitarismus sowie den Kernstellen der Pflichtethik Kants beschäftigt haben. Dafür ist darzustellen, wie Parfit den Kantianismus von seinen Schwächen befreit, wie er...

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