7. – 13. Schuljahr

Ralf Kellermann

Kant in der Mittelstufe?!

Eine Hinführung an Idee und Funktion des kategorischen Imperativs

Folgt man der Forschung zur Entwicklung des moralischen Urteils, dann sind Menschen in der Regel erst relativ spät dazu in der Lage, wirklich selbständig autonom moralische Fragen zu entscheiden, und viele wohl nie. Aber das Verhältnis von Regeln zur eigenen Freiheit interessiert und bewegt Schüler nicht erst in der Oberstufe. Das hier vorgestellte Unterrichtsmodell verzichtet auf die Lektüre und Analyse von Texten Kants und bietet als Material für die Vorbereitung darauf vor allem Beispiele und kurze Statements als Anregung für Erörterung und Diskussion.

Die Fähigkeit, beim Urteilen nicht einfach Regeln zu befolgen, sondern postkonventionell selbst zu überlegen, ob die Maximen des eigenen Verhaltens allgemeines Gesetz werden könnten, ist offenkundig eine anspruchsvolle Kompetenz. Da sich außerdem die Lektüre von Kants Schriften selbst in der Oberstufe immer wieder als schwieriges Geschäft erweist, mag der Versuch, sich Kant in der Mittelstufe zu nähern, zunächst (berechtigte) Zweifel provozieren: Entweder laufe das auf eine unsinnige Überforderung hinaus oder die Philosophie müsse über Gebühr so vereinfacht werden, dass der zentrale Gehalt der Kantischen Philosophie kaum noch zu erkennen sei. Ein Fragezeichen begleitet ja schon die Ambition: Warum Kant unbedingt schon in der Mittelstufe, wenn man das ohnehin und besser doch in der Kursstufe macht? Baut man da nicht unnötige Wiederholungen ein, wenn man sich später noch ausführlich mit dem Königsberger beschäftigen muss?
Die Zweifel sind ernst zu nehmen, als triftiger Einwand gegen die Beschäftigung mit Kant vor der Oberstufe taugen sie indes nicht. Zunächst ist klar, dass man mit der Lektüre von Texten Kants in der Mittelstufe schnell an Grenzen stößt. Sicher kann man kurze, stark vereinfachte Texte schon hier diskutieren. Eine solche Annäherung wird aber kaum im Mittelpunkt des Unterrichts stehen können. Wozu auch? Die Beschäftigung mit zentralen Thesen freilich ist so wichtig, dass es hinreichend gute Gründe gibt, nicht erst in der Kursstufe damit zu beginnen, sondern im Sinne einer spiralcurricularen Annäherung schon früher. Und was den Zugang der Gedanken für vermeintlich nicht hinreichend reife Geister angeht, sei Kant selbst zitiert, der erklärte, dass »die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne, als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen.«1 Will sagen: Die wesentlichen Aspekte der Philosophie sind nicht nur etwas für Philosophen, sondern für alle Menschen, auch für solche mit »gemeinem Verstande«, in einiger Hinsicht also auch für Schülerinnen und Schüler schon vor der Oberstufe.
Regeln versus Freiheit?
Das Verhältnis von gesellschaftlichen Regeln und eigener Freiheit ist ein Leitthema pubertärer Selbstvergewisserung. Entsprechend bieten sich einige Anlässe, um Schüler mit einigen Ideen von Kant, der dazu Wesentliches zu sagen hatte, bereits in der Mittelstufe bekanntzumachen.
Die regelutilitaristische Perspektive
Im Mittelpunkt steht die Heranführung an Idee und Funktion des kategorischen Imperativs in der Grundform. Um dieses Konzept zu verstehen, erörtern, reflektieren und diskutieren die Schülerinnen und Schüler zunächst ihre Haltung zu häuslichen Regeln (M1 ). Die Überlegungen beginnen also im Nahbereich des täglichen Lebens, wobei unterstellt wird, dass viele Jugendliche ein eher ablehnendes Verhältnis zu Regeln haben, die ihnen zumeist als Ausdruck elterlichen Zwangs erscheinen. Um die einseitige Ablehnung zu relativieren, lädt die nächste Übung zu einem realitätsnahen Gedankenexperiment ein: Hier soll diskutiert werden, wie häusliche Arbeiten in einer WG optimal zu...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen