5. – 13. Schuljahr

Heiner F. Klemme

Kants Begriff der Humanität

Eine Erkundung

Was versteht Kant unter Humanität? Warum sollte sein Begriff uns heute noch interessieren? Grundlegend für sein Verständnis der Humanität ist neben dem Gedanken, dass uns die reine Vernunft zu bestimmten Zwecksetzungen verpflichtet, die Geselligkeit, wie sie idealtypisch in der heiteren Tischgesellschaft realisiert wird. Ihre Teilnehmer interessieren sich füreinander, teilen sich mit, erweitern ihre Begriffe, leisten einen Beitrag zur Mündigkeit und zur Aufklärung. Durch das gesellige Gespräch fördern sie ihr Interesse an der freiheitszentrierten Rationalität wie an ihrem Wohlleben unter den zufälligen Bedingungen ihrer Lebensführung.

»Der Purismus des Zynikers und die Fleischestötung des Anachoreten ohne gesellschaftliches Wohllebensind verzerrte Gestalten der Tugend und für diese nichteinladend; sondern, von den Grazien verlassen, könnensie auf Humanität nicht Anspruch machen.«1
Immanuel Kant
Ist Kant aktuell?
Die Bedeutung eines Philosophen bemisst sich an der Qualität seiner Argumente, Ideen und Überlegungen. Aktuell ist ein Philosoph, wenn sein Werk im Hier und Jetzt entweder als leuchtendes Vorbild oder aber als abschreckendes Beispiel Berücksichtigung findet. Weist seine Wertschätzung über die Aktualität hinaus, handelt es sich um einen Klassiker. Angesichts der über Jahrhunderte ungebrochenen und auch in unseren Tagen weltweit intensiven Auseinandersetzung mit Kants Werk, dürfen wir vermuten, dass Kant zu den (nicht musealen) Klassikern seines Faches zählt.
Sollte uns das beeindrucken? Doch wohl nur dann, wenn seine schriftlich fixierten Gedanken auch unsere eigenen Gedanken bereichern, sie anzuregen und zu orientieren vermögen. Ob dies der Fall ist oder nicht, muss jeder Einzelne für sich durch das Nachdenken über Kants Gedanken herausfinden. Wagen wir einen Selbstversuch. Denken wir über Kants Denken nach. Orientieren wollen wir uns an der Frage, ob die an sich gefühlskalte Stimme der reinen praktischen Vernunft, die im Zentrum seiner Moralphilosophie steht und seit alters her Gegenstand der Kritik ist, auch als Stimme der (wie Kant sich ausdrückt) »Humanität« verstanden werden kann.
Kein Handeln ohne Zwecke
Warum ist der Zweckbegriff so wichtig? Mit ihm versucht Kant zu erläutern, wie die reine Vernunft in der Welt praktisch werden kann. Alle unsere Handlungen haben einen Zweck. Sie werden uns durch unsere Begierden und Neigungen gegeben, und wir erkennen sie empirisch. Ihre Quelle ist also unsere Sinnlichkeit. Durch unser Handeln wollen wir sie realisieren. Doch neben den empirischen (auf unser Glück und Wohlleben zielenden) Zwecken gibt es Kants fester Überzeugung nach andersgeartete Zwecke. Mittels ihrer vermag die reine Vernunft unseren Willen unmittelbar zu bestimmen. Um was für Zwecke handelt es sich bei ihnen?
Auf die erste Art bezieht sich Kant mit dem Ausdruck »Zweck an sich selbst« und spricht von der Menschheit in der Person eines jeden Menschen. Es handelt sich hierbei um einen Zweck, der immer schon realisiert ist. Denn als Vernunftwesen existieren wir als Zweck an sich selbst, ob wir dies wollen oder nicht. Wer als Zweck an sich selbst existiert, der hat Würde, das heißt stellt durch seine bloße Existenz eine einschränkende Bedingung für die Wahl aller auf unseren Begierden und Neigungen beruhenden Zwecke dar. An einigen Stellen behauptet Kant auch, dass die reine Vernunft selbst dieser Zweck an sich selbst ist und aus diesem Grund die Quelle der Verbindlichkeit ist, die durch den kategorischen Imperativ ausgedrückt wird.2 Die reine Vernunft bestimmt unseren Willen, da sie sich als letzten oder obersten Zweck unseres Wollens setzt. Kant beschreibt die selbstbezügliche Beziehung, in der wir als vernünftige Naturwesen zu unserer reinen Vernunft stehen, auch durch den Begriff des (Vernunft-)Interesses: Wir interessieren uns für uns selbst, weil wir in praktischer Hinsicht nichts mehr als...

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