5. – 10. Schuljahr

Stundentypen im Philosophie- und Ethikunterricht

Unterrichten ist bekanntermaßen ein schwieriges und komplexes Unterfangen. Das trifft auf jeden Fachunterricht zu. Für den Philosophie- und Ethikunterricht gilt dies aber möglicherweise in ganz besonderem Maße.
Die Besonderheit philosophischer Diskurse und Lernprozesse
Denn was unterrichtet der, der Philosophie unterrichtet? Wo in anderen Fächern, vor allem in den Naturwissenschaften, offenbar ein »großer Konsens über grundlegende Basis- und Fachkonzepte besteht, die es im Unterricht zu erlernen gilt«, gibt es in der Philosophiedidaktik aufgrund des spezifischen Wesens ihrer Bezugsdisziplin keinen entsprechenden Diskurs. Die Philosophie ist, um mit Immanuel Kant zu sprechen, »nirgendwo in concreto gegeben«. Daher »kann man keine Philosophie lernen; denn, wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich erkennen?«
Vielleicht ist es gerade dieser Unbestimmbarkeit geschuldet, dass der Philosoph im Vollzug des Philosophierens gleichzeitig um äußerste Präzision ringt. Es gilt »sich im eigenen Denken zu orientierten, so wach, artikuliert und genau wie möglich«. Die Stringenz der Gedankenführung und sprachliche Klarheit, die logische Beweiskraft von Argumenten und begriffliche Trennschärfe kennzeichnen gutes Philosophieren.
Diese Eigentümlichkeit philosophischer Diskurse, ihre »präzise Offenheit«, macht das Unterrichten schwer. Der Philosophieunterricht droht beständig in schwindelnde Höhen der Abstraktion zu steigen und sich in gegenstandslosen Haarspaltereien zu verzetteln oder aber in unverbindliche Lebenskunde abzudriften und ziellos vor sich hin zu mäandern. Das ist wohl das Grundproblem des Philosophie- und Ethikunterrichts: Wie lassen sich philosophische Lernprozesse so gestalten, dass bei aller gedanklichen Offenheit klare Schwerpunkte gesetzt, präzise (wenn auch vorläufige) Ergebnisse erzielt und wahrnehmbare Denkfortschritte erreicht werden können?
Es gibt natürlich eine Vielzahl an fachdidaktischen Theorieansätzen, Modellen und Konzepten, die zu diesem Grundproblem Lösungsvorschläge entwickeln. Zwei Ansätze, die sich auf verschiedenen Ebenen der Unterrichtsplanung bewegen, seien hier stellvertretend für andere exemplarisch vorgestellt. Auf einer Makroebene entwickelt Steffen Goldbeck nach Überlegungen von Matthias Schulze ein neues Modell für die Planung von philosophischen Unterrichtsreihen, sogenannte »rote Fäden« (s. Goldbeck/Laschet, S. 25ff.). Diese schaffen einerseits Präzision und Stringenz, da sie jeweils einem leitenden fachdidaktischen Prinzip folgen. Andererseits sind sie offen, da sie je nach fachlich-sachlichen Erwägungen und unterrichtlichen Kontexten flexibel realisiert werden können. Auf einer Mikroebene entwickelt Rolf Sistermann für die Planung von philosophischen Einzelstunden sein bewährtes, oft diskutiertes und vielfach angewendetes Bonbon-Modell. Die Form des Bonbons setzt die festgelegte Abfolge von offenen Phasen, die Denkräume weiten sollen, und geschlossenen Phasen, die präzise Ergebnisse anbahnen sollen, bildlich um.
Zwischen Stunden- und Reihenplanung
Die Praxis zeigt allerdings, dass neue Probleme entstehen, wenn die Mikroebene der Stundenplanung auf die Makroebene der Reihenplanung abgehoben wird. Erstens ist es thematisch, didaktisch oder zeitlich oft gar nicht möglich, alle sechs Phasen des Bonbon-Modells, die in sich schon komplex sind, in einer Einzelstunde unterzubringen. Zweitens lässt sich die festgefügte Phasenabfolge des Bonbons nicht immer an die unterschiedlichen Funktionen, die einzelne Stunden in einer Reihe haben, anpassen. Dadurch kann unter Umständen die didaktische Verknüpfung der Stunden zu einer Sequenz und mithin die Gestaltung eines roten Fadens der Reihe misslingen. Sistermann berücksichtigt diese Probleme, wenn er eine Anwendung des Bonbon-Modells auch für die Reihenplanung vorsieht. Klaus Blesenkemper gibt allerdings zu Recht zu bedenken: »Wenn mit dem...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen