10. – 13. Schuljahr

Bastian Klug

Auf wie viel Würde können wir verzichten?

Zur Kritik des Menschenwürdebegriffs in der Bioethik

Gelangt das Konzept der Menschenwürde in der Bioethik an die Grenzen seiner Aussage- und Begründungskraft? Anhand zweier konträrer Positionen in einer bioethischen Kontroverse erarbeiten die Schülerinnen undSchüler sich den Würdebegriff und entwickeln so ein sensibles und kritisches Verständnis für diesen komplexen, vielfach definierten und umstrittenen normativen Grundbegriff.

Der Titel mag zunächst vielleicht abschrecken. Warum sollte man überhaupt auf Würde verzichten wollen? Denn im alltäglichen Leben eines gesunden Menschen stellt sich diese Frage eher selten. In Ausnahmesituationen jedoch, wie sie in der Bioethik in den Debatten um Sterbehilfe, Abtreibung oder auch Gentechnik thematisiert werden (Abb. 1+2 ), wird tatsächlich häufig mit dem Verweis auf die Menschenwürde der einzelnen Akteure und Betroffenen argumentiert. In der Sterbehilfe-Diskussion beispielsweise berufen sich sowohl Gegner als auch Befürworter aufdas Konzept der Würde, um entweder lebenserhaltende oder das Leben beendende Maßnahmen ethisch zu rechtfertigen.
Aufgrund dieser vielfältigen und durchaus ambivalenten Verwendungen meinen manche Autoren, dass das Konzept der Menschenwürde in der Bioethik an die Grenzen seiner Aussage- und Begründungskraft gelangt. Um dies zu verdeutlichen, werden im Folgenden zwei Beispiele für gegensätzliche Argumentationen mit Bezug auf die Menschenwürde vorgestellt und diskutiert. Anschließend sollen diese Erkenntnisse in eine Unterrichtseinheit münden, sodass auch den Schülerinnen und Schülern die Debatte um die Kritik der Menschenwürde und ihre alltagsnahe Relevanz vermittelt werden können. Ziel ist hier jedoch nicht die Verbannung der Würde aus den Köpfen der Schülerinnen und Schüler. Es geht vielmehr darum, ein sensibles und kritisches Verständnis für einen komplexen, vielfach definierten und auch umstrittenen normativen Grundbegriff zu gewinnen.
Würde vs. keine Würde eine Grenzdiskussion
Das erste Beispiel thematisiert die medizinische Verwendung von Embryonen. Die Stammzellenforschung bietet wohl eines der größten Potenziale für die Heilung von Erbkrankheiten oder Krebs; ihre Erfolge könnten unsere Lebensqualität in schweren Situationen deutlich steigern. Umstritten ist dabei jedoch der Umgang mit den Embryonen, die während der Forschung zwangsläufig benutzt und getötet werden. Liegt in diesem Vorgang eine Verletzung der Menschenwürde? Oder lässt sich mit dem Verweis auf die Heilungsmöglichkeiten der Patienten gar rechtfertigen, zu Forschungszwecken bei Embyonen auf das Postulat der Menschwürde zu verzichten? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst einmal klären, von welchem Zeitpunkt oder welcher Entwicklungsstufe an ein Würdeanspruch besteht und warum man diesen Anspruch absolut schützen sollte.
Vor allem konservative oder christliche Positionen vertreten die Auffassung, dass der Würdeanspruch schon mit der Befruchtung der Eizelle beginnt. Kardinal Karl Lehmann fasst das in dem Kontinuitätsargument zusammen: Von Beginn an und bis zum Ende eines Lebens kommt Menschen (eine von Gott gegebene) Würde zu. Lehmann begründet das durch die Zugehörigkeit des Embryos zur Spezies Mensch. Daraus ergibt sich ein strenges und grundsätzliches Verbot von Eingriffen an Embryonen, ganz unabhängig von möglichen guten Absichten oder positiven Folgen. Für ihn gilt: »Im Zweifel für das Leben (in dubio pro vita).«1
Grundlegend anders argumentieren liberale Positionen, die den Embryo zwar als Menschen ansehen, ihm jedoch noch keine entscheidenden menschlichen Eigenschaften zusprechen und damit auch keinen absoluten Schutz. Sie fordern eine säkuläre, forschungsnahe und folgenzentrierte Herangehensweise und verzichten dabei sogar gänzlich auf den Begriff der Würde. Norbert Hoerster ist etwa der Ansicht, dass nicht die Würde, sondern das Recht auf Leben für deutlich verständlichere...

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