5. – 13. Schuljahr

Dervis Hizarci

»Du Jude«

Ein Ansatz zum Umgang mit Diskriminierung in Schule und Unterricht

Häufig werden wir im pädagogischen Alltag Zeuge von zum Teil heftigen Beschimpfungen unter Schülerinnen und Schülern, die uns ratlos oder schockiert zurücklassen. Vor allem bei rassistischen, homophoben oder auch antisemitischen Beschimpfungen wird eine Grenze überschritten. Doch wie machen wir diese Grenzen deutlich sichtbar? Und wie wahren und schützen wir diese Grenzen? Was tun, wenn unsere pädagogischen Mittel, ja manchmal auch schlicht unsere Geduld, ausgeschöpft sind?

Lehrerinnen und Lehrer klagen immer wieder: Sanktionen griffen nur teilweise oder gar nicht, weil sie nicht ernst oder nur billigend in Kauf genommen würden. Sie wirkten nicht nachhaltig oder verfehlten aus unterschiedlichen Gründen ihr Ziel, eine Verhaltensveränderung. Viele Jugendliche hielten Beschimpfungen schlicht für »normal« oder »cool« und ließen sich nur schwer eines Besseren belehren. Das Gefühl von Überforderung ist hier nur verständlich schließlich hat am Ende die Lehrerin oder der Lehrer die Verantwortung, solche Äußerungen zu unterbinden und für ein möglichst harmonisches Miteinander im Klassenverband und im Schulalltag zu sorgen. Gerade wenn man sich verdeutlicht, dass Schulen eine der zentralen Sozialisationsinstanzen unserer Gesellschaft sind, wird das Gewicht dieser Verantwortung überdeutlich.
Ein in den letzten zwei Jahren häufig auftretendes Beispiel für eine diskriminierdende Grenzüberschreitung ist die Verwendung des Begriffes »Jude« als Schimpfwort. Eigendtlich ist das Wort »Jude« kein Schimpfwort, wird aber immer häufiger genutzt in der Absicht, andere abzuwerten. Ein Schüler, der seinen Mitschüler als »du Jude« beschimpft, tut das mit der Absicht zu verletzen. Das Wort wird zum Schimpfwort umgedeutet und seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. Wichtig ist: Der Ausspruch richtet sich dabei gegen jüdische und nichtjüdische Menschen gleichermaßen, hat das Ziel zu verletzen und richtet weitreichenden Schaden an. Selbst wenn keine Juden im Raum sind (Abb. 1 )!1
Grundlage jeder Intervention: eine klare Haltung zeigen
Die Erfahrung zeigt, dass Redeverbote und Sanktionen alleine zu kurz greifen. Eine echte pädagogische Auseinandersetzung mit solchen Vorfällen ist unersetzlich. Wenn wir Schule als einen Spiegel der Gesellschaft begreifen, so finden sich in den Schulen leider auch sämtliche in der Gesamtgesellschaft grassierenden Rassismen, Vorurteile und Diskriminierungsformen. Angesichts des obersten Ziels von Bildung in Deutschland, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, ist die Dringlichkeit eines zielführenden Umgangs mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungsformen unbestritten. Dessen Grundlage ist eine klare Haltung des pädagogischen Personals an den Schulen. Aussagen wie: »Na ja, so sprechen die türkischen Schüler halt miteinander«, die wir in der Arbeit immer wieder hören, sind eine Bankrotterklärung der Pädagogik. Hinter einer solchen Bankrotterklärung steht in der Regel ein langer Prozess oftmals gescheiterter pädagogischer Interventionen. Ihr sind meist schon viele erfolglose Interventionen vorweggegangen. Entscheidend ist, welche Haltung hinter solchen Aussagen steckt. Nicht selten finden sich auch bei Lehrerinnen und Lehrern reproduzierte Stereotype, die den Umgang mit migrantisch »markierten« Schülerinnen und Schülern erschweren.
Die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen, die es zu achten gilt, steht in den Artikeln zu den Grundrechten zurecht an erster Stelle und nicht alleine. Gleich in Artikel 2 heißt es: »Die Freiheit der Person ist unverletzlich.« Das Recht auf freie Entfaltung, dem sich Pädagoginnen und Pädagogen verpflichtet sehen müssen, folgt unmittelbar aus der unverletzlichen Würde des Menschen. Wenn wir in den vergangenen Jahren die etwas inflationär genutzte Forderung eines »Bekenntnisses zu unseren Grundwerten« hören, dann ist damit...

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