8. – 10. Schuljahr

Ethik & Philosophie im song

Edgar Wasser: Faust

Edgar Wasser (bürgerlicher Name unbekannt), geboren in Chicago, Illinois, aufgewachsen in München, ist ein deutscher Rapper, dessen Song Faust1 in der deutschen Rap-Szene eine Anomalie ist. Nicht, weil in ihm das Wort »behindert« ganze 26 Mal vorkommt, sondern weil der Song eine selbstkritische Reflexion über den Gebrauch diskriminierender Sprache ist, die im Rap (anders als diskriminierende Sprache selbst) eher selten vorkommt.
Hintergrund und Aufbau des Songs
Ausgehend von den Fragen, ob der Gebrauch diskriminierender Sprache (nicht nur im Rap) legitim ist und wieso diskriminierende Sprache überhaupt zu Zwecken der Beleidigung verwendet wird, greift Edgar Wasser in seinem Text auf Beispiele aus seiner eigenen Karriere zurück, in denen er das Wort »behindert« als Schimpfwort, als Waffe zur Demütigung anderer, verwendet hat. Eingeleitet wird der Song daher von einem reflexiven Sample aus Zeilen früherer Songs des Rappers. Auf diese Einleitung folgt eine Strophe, in der sich Edgar Wasser auf einen Auszug aus Goethes Faust bezieht (der dem Song auch den Titel verleiht). Die Zeile im Song lautet: »Faust schreibt: ›Im Anfang war die Tat‹/Und nicht das Wort, ist mir jetzt nicht ganz klar, was das heißt«.
In der Zeile aus Goethes Faust, auf die Edgar Wasser sich hier bezieht, versucht sich Faust an einer Übersetzung des biblischen Johannes-Evangeliums und stößt sich dabei an der lutherischen Übersetzung des griechischen Wortes logos, das Luther mit »Wort« übersetzt. Bei Goethe heißt es:
Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!2
Edgar Wasser äußert im Verlauf der Strophe seine Verwirrung über diese Interpretation. Auf eine vor Sarkasmus strotzende Hook, deren Kern die Zeilen sind »Diskriminierung ist nicht cool, du Spast/Diskriminierung ist behindert«, folgt die zweite Strophe, in der Edgar Wasser die Ansicht diskutiert, dass diskriminierte Gruppen die auf sie abzielenden diskriminierenden Begriffe zum eigenen Empowerment verwenden sollten, wobei der Vergleich mit Afroamerikanern und dem Wort »Nigger« angestellt wird.
Am Ende der Strophe verweist Edgar Wasser auf die Tatsache, dass die Wertvorstellungen einer Gesellschaft immer zeit- und kontextgebunden sind, sich also von Generation zu Generation ändern (können): »Wer weiß, ob unsere Kinder dann nicht irgendwann sagen werden/dass unsere Ansichten behindert warn?« Im Outro schließlich bezeichnet Wasser aufeinander folgend erst banale Dinge wie lange Wartezeiten beim Arzt als »behindert« und gegen Ende dann tatsächliche körperliche und geistige Behinderungen, wie Gendefekte oder Asperger-Syndrom.
Der Song endet mit einem weiteren Sample, dieses Mal einer Szene aus dem Film Hit and Run, in dem die weibliche Hauptfigur den männlichen Hauptcharakter für seine Verwendung des Wortes »Schwuchtel« tadelt. Dieser verteidigt sich mit der Begründung, er verwende das Wort lediglich als Steigerung für »schwach« und spreche damit ja keine realen Homosexuellen an, woraufhin sie ihn fragt, ob er es in Ordnung fände, wenn sie ab sofort das Wort »Nigger« für ihr schwarzes Portmonee verwende, schließlich spreche sie damit ja keine realen Afroamerikaner an.
Der Song ist ein deutliches Plädoyer dafür, sich die diskriminierende Wirkung von Sprache bewusst zu machen und Sprache reflektiert zu nutzen.
»Worte sind Taten«
Die Frage, die sich nun aber vor allem im Kontext Schule...

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