8. – 9. Schuljahr

Hubertus Stelzer

Menschenwürde ohne Dach?

Eine ethische Auseinandersetzung mit den Phänomenen Wohnungs- und Obdachlosigkeit

Geht es in unserer Wohlstandsgesellschaft allen gut? Oder verliert sie zunehmend die aus dem Blick, die nicht mehr klar verortet sind, marginalisiert sie sogar? Und trägt so dazu bei, dass im Darüber-hinweg-Sehen Menschen mehr verlieren als vielleicht ihre Wohnung? Schülerinnen und Schüler setzen sich damit auseinander, was geschehen kann, wenn Menschen übersehen werden.

Ein Dach über dem Kopf zu haben gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen, die von den allermeisten als grundlegend und wesentlich und normal für die persönliche Lebensführung angesehen werden. Nicht nur, aber auch deshalb gehen Jugendliche auf die Suche nach einem Beruf, mit dessen Entlohnung sie dieses Bedürfnis für sich selbst oder auch für einen späteren Partner, eine Partnerin oder Familie erfüllen und befriedigen können. Zweifelsohne gehört Wohnen also zu den basalen Grundlagen menschlicher Lebensgestaltung; im GG ist ein Recht auf Wohnen jedoch nicht festgeschrieben, auch wenn es in einigen Länderverfassungen (wie Bayern Art. 106(1) Jeder Bewohner Bayerns hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung) rechtlich geschützt ist allerdings ohne jegliche rechtspraktische Bedeutung.1 Verwiesen werden kann im juristischen Zusammenhang lediglich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 (Art.25).
Dieser Unterrichtsvorschlag beschäftigt sich mit der Thematik, kein Obdach zu haben, keine Wohnung, keine Unterkunft, aus eigenem Willen heraus oder aufgrund widriger Umstände, die dazu geführt haben, dass bereits gefundene Wohnungen wieder verloren wurden bzw. es nie dazu kommt, dass ein Mensch im Erwachsenenalter eine eigene Wohnung beziehen kann. Dabei soll eine Frage in den Mittelpunkt rücken, die zuallererst dort nicht gesehen wird, weil sie sich den meisten nicht stellt: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. schätzt für 2016, dass 860000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung waren. Es handelt sich dabei seit 2014 um einen Anstieg um 150 Prozent. Die Prognose lautet: Von 2017 bis 2018 ist mit einem Zuwachs von um die 350000 Menschen ohne Wohnung auf dann insgesamt 1,2 Millionen zu rechnen. Das wäre eine nochmalige Steigerung um etwa 40 Prozent. 52000 dieser Menschen leben auf der Straße (der Anstieg seit 2014 liegt bei 33 Prozent), davon sind etwa 50000 Deutsche oder EU-Bürger.2
Armut in Gestalt von Wohnungslosigkeit irritiert Menschen, die in einer Wohlstandsgesellschaft, deren Normalitätsvorstellungen entsprechend, einem geregelten Leben nachgehen und daraus wiederum ihren Begriff von Armut ableiten. Obdachlosigkeit auf öffentlicher Straße, der mit etwa 6 Prozent prozentual geringste Teil aller Wohnungslosen in Deutschland, macht diese Armut offensichtlich, stellt sie dar und vor. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Fragile Mitte Feindselige Zustände von 2014 muss feststellen, dass jeder dritte Deutsche wohnungslose Menschen als Person abwertet, indem er der Aussage zustimmt: Obdachlose sollen aus den Fußgängerzonen entfernt werden.3
Ängstlich wird hier abgewehrt, was zu Irritationen führt, den eigenen Lebensvorstellungen widerspricht oder sie gar in Frage stellt. Dabei wird nicht beachtet, dass Sozialarbeit von einem Teufelskreis berichtet: Wer irgendwie kann, verbirgt seine Obdachlosigkeit hinter Sauberkeit und gespielter Normalität. Erst wenn die Fassade nicht mehr aufrechterhalten werden kann, beginnt das Leben, das die meisten sich unter Obdachlosigkeit und Leben auf der Straße vorstellen. Kommt es dann zu damit verbundenen Zuschreibungen wie »Penner«, verselbständigt sich die Etikettierung irgendwann: Der »Penner« wird auch einer.
Ist ein Leben ohne Dach menschenwürdig?
Das ist die Frage, die sich nun stellt. Lautet die Antwort darauf Nein, dann besteht dringender Handlungsbedarf nicht nur für Länder und Kommunen. Wenn wir sie mit Ja beantworten,...

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