10. – 13. Schuljahr

Oliver Drewes | Anita Hebenstreit | Steffen Schultz

Nur über meine Menschenwürde

Zur Aktualität des Folterverbots

Anhand einer konkreten Situation, dem »Fall Daschner«, setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit einem moralischen Dilemma auseinander und reflektieren die Positionen mit einem Fokus auf dem Postulat der Menschenwürde. Indem sie die relevanten Gesichtspunkte erkennen und abwägen, erarbeiten sie sich verschiedene Handlungsoptionen und kommen zu einer begründeten eigenen Position.

Die Würde des Menschen ist unantastbar«, so steht es im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes. Obwohl diese rechtliche Grundnorm für unser Verständnis des Menschen zentral ist, unumstößlich und apodiktisch formuliert, wird ihre postulierte Unantastbarkeit vor allem in moralischen Extrem- und Dilemmasituationen auf den Prüfstand gestellt. Verbindliche ethische Überzeugungen und Handlungsmaximen scheinen dann plötzlich nicht mehr so eindeutig zu sein, und die eigenen normativen Grundprinzipien werden einer kritischen Prüfung unterzogen.
Immanuel Kant zählt die Frage »Was soll ich tun?« zu den vier Grundfragen der Philosophie.1 Besonders interessant wird die Frage dann, wenn wir bei dem Versuch, sie in konkreten Situationen zu beantworten, auf ein Dilemma stoßen und wir gar nicht mehr wissen, welche Handlungsoption die »richtige« oder moralisch gebotene ist. Denn wir befinden uns in der schwierigen Situation, dass sich moralische Ansprüche wechselseitig ausschließen oder gar widersprechen. Darf ich zum Beispiel jemandem schaden, um jemand anderen zu schützen? In welchem Fall und unter welchen Bedingungen darf ich das nicht und warum nicht; und wenn ich das darf, ab wann darf ich das, bei welchem drohenden Schaden, zu wessen Schutz, aus welchen Gründen? Darf man die Freiheit des einen einschränken, um die des anderen zu gewährleisten?
Solche allgemeinen Fragen der Moral stellen sich in der realen, komplexen Welt sehr konkret, zum Beispiel in außergewöhnlichen und zugespitzten Situationen, wenn es um die Menschenrechte bzw. die Würde des Menschen selbst geht. Kann zum Beispiel Folter ein legitimes Mittel sein, um an Informationen zu gelangen, die dazu beitragen, das Leben anderer Menschen zu retten? Darf einem Gefangenen in Guantanamo Gewalt angetan werden, um an Informationen über einen geplanten Terroranschlag zu gelangen? In Extremsituationen wie Krieg, Terrorismus, Entführung und Erpressung stehen die Entscheidungsträger manchmal vor solchen schwierigen, dilemmatischen Fragen. Die Unantastbarkeit der Würde eines Gefangenen, der Informationen zurückhält, steht dann gegen die desjenigen, dessen Leben durch diese Informationen gerettet werden könnte. In diesem Fall stellt sich die Frage, wessen Würde zu bevorzugen ist und gewissermaßen schwerer wiegt, und warum.
Absolutes Folterverbot
Die Vereinten Nationen haben 1984 in einer Konvention festgeschrieben, dass Folter niemals ein legitimes Mittel sein kann, ein Ziel zu erreichen, ganz unabhängig von dessen moralischem Stellenwert. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat mit Artikel 1 im Grundgesetz konstatiert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, und zudem in Artikel 2, Abs 2., noch einmal das Recht auf körperliche Unversehrtheit hervorgehoben. Damit folgen die Vereinten Nationen ebenso wie unser Grundgesetz dem deontologischen Ansatz Kants und stellen jede konsequenzen-orientierte Rechtfertigung von Gewaltanwendung hinter die moralische Bewertung der Handlung hier Folter zurück. Gewaltanwendung aufgrund eines utilitaristischen Kalküls ist demzufolge moralisch nicht zulässig, weil sie die Individualrechte missachtet und damit dem Berechnen und Abwägen, auch einem gegeneinander Aufrechnen menschlichen Lebens, Tür und Tor öffnet.
Obwohl aus dieser juristischen Perspektive die Diskussion um die Möglichkeiten der staatlichen Gewaltanwendung im Sinne einer legitimen Folter beendet zu sein scheint, wird das strikte Folterverbot faktisch...

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