9. – 10. Schuljahr

Bilal Yaya | Merih Can-Günes

Universalismus und Kulturrelativismus

Menschenrechte und Menschenwürde im kulturellen Kontext

Eine Aspekt bei der Auseinandersetzung mit den Konzepten der Menschenrechte und Menschenwürde ist die Fragen nach ihrer Geltung: Ist ihr Anspruch auf Universalität gerechtfertigt, oder sind sie kulturell relativierbar? Insbesondere in kulturell vielfältigen und pluralistischen Gesellschaften stellt sich die Frage nach dem Geltungsbereich. Diese verlangt nach Klärung, weil sie Konsequenzen hat für das gesellschaftliche Zusammenleben, den Umgang mit Interessenkonflikten sowie der Frage nach den Grenzen individueller Freiheit.

Kann es Werte und Normen geben, die das Zusammenleben der Menschheit grundsätzlich und kulturübergreifend regeln? Und wie können diese grundlegenden Prinzipien der Vielfalt menschlicher Lebensgestaltung gerecht werden? Oder müssen wir davon ausgehen, dass es keine allgemeingültigen, universellen moralischen Normen geben kann? Kann man hieraus folgern, dass auf Kritik an abweichenden Vorstellungen und Handlungen verzichtet werden muss, da es keinen übergeordneten Maßstab dafür geben kann? Und welche der in einer Gesellschaft von unterschiedlichen Gruppen vertretenen Werte sind verbindlich für alle Mitglieder?
Die Konzept der Menschenwürde und der Menschenrechte werden in diesem Zusammenhang mitunter als kleinster gemeinsamer Nenner genannt, auf den sich alle Gesellschaftsmitglieder verständigen können.1 Bei der Auseinandersetzung über eventuelle Menschenwürdeverletzungen werden trotz der Komplexität des Menschenwürdebegriffs Gemeinsamkeiten in Deutungsmustern verschiedener Positionen deutlich.2
Konstitutiv für die Idee allgemeiner Menschenrechte ist, dass sie für alle Individuen weltweit, unabhängig von der lokalen Rechtsordnung, gelten.3 Und nach der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kommt jedem Mitglied der Gattung Mensch Menschenwürde zu. Dieser universalistischen Forderung zufolge ist die Menschenwürde ein Prinzip, dem kulturelle Regelungen und Traditionen untergeordnet sind.4 Bei kontroversen Themen wie zum Beispiel der Beschneidung oder Gleichberechtigung von Männern und Frauen fordern Befürworter und Unterstützer kultureller Traditionen jedoch eine Relativierung der moralischen Norm der Menschenwürde. Im internationalen Kontext lässt sich dies sehr gut am Beispiel der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam verdeutlichen: »Alle Menschen bilden eine Familie, deren Mitglieder durch die Unterwerfung unter Gott und die Abstammung von Adam verbunden sind. [] Wahrer Glaube ist die Garantie für den Genuß solcher Würde auf dem Weg zur Vervollkommnung des Menschen. Alle Menschen sind Gottes Untertan und er liebt diejenigen am meisten, die seinen übrigen Untertanen am meisten nützen; niemand hat Vorrang vor einem anderen, es sei denn aufgrund der Gläubigkeit und guter Taten.«5
In der Kairoer Erklärung (s. Kasten), die als Versuch gesehen werden kann, die Rolle der Religion in den Menschenrechten zu stärken, wird die Würdefähigkeit eines Individuums explizit an dessen gläubiges Handeln gekoppelt. Die Menschenwürde wird hier somit nicht als angeborene und unverfügbare Qualität, sondern als eine zu erwerbende verstanden. Außerdem habe jede Kultur das Recht, eigene Vorstellungen für Normen des gemeinsamen Zusammenlebens zu entwickeln. Mit dieser Einschränkung lässt sich die Kairoer Erklärung der Position des Kulturrelativismus zuordnen. Insbesondere aus der ethnologischen Tradition heraus hat sich ein kulturrelativistischer Standpunkt entwickelt. Bekannte Vertreter dieser Position, zum Beispiel Franz Boas sowie dessen Schüler Melville J. Herskovits, merken an: »Was in einer Gesellschaft als Menschenrecht gilt, kann in einer anderen [] für sozial schädlich gehalten werden.«6
Infokasten
Infokasten
Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam
  • 1990 beschlossene Erklärung der Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen...

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